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Bernhard Bueb – Allmachtsphantasien aus der Mottenkiste

Die Republik diskutiert ernsthaft über Bildung; Bund und Länder bereiten sich auf den nationalen Bildungsgipfel [1] vor, die Bundeskanzlerin reist bildungsbeflissen durchs Land (reisen soll bekanntlich bilden) und Massenblätter lancieren ihre Positionen und pädagogischen Lieblinge. Die FAZ – wie könnte es anders sein – puscht den Disziplinmatador und ehemaligen Internatsleiter Bernhard Bueb. „Deutschlands strengster Lehrer“ (die Bildzeitung über Bueb) wiederholt, was er seit Jahren vertritt in neuem Gewand. Aus der Buebschen Mottenkiste wird im Jahr 2006 zuerst Lob der Disziplin hervorgeholt und jetzt, im September 2008, mit dem neuen Buch Von der Pflicht zu führen. Neun Gebote der Bildung nachgeladen.

Warum nicht gleich 10 Gebote, in Stein gemeißelt, vom Bueb-Moses-Internat zur erzieherischen Heilung der deutschen Jugend? In L.d.D. waren noch Entgleisungen zu lesen wie „Die Menschen klären, die Sachen stärken“ (Bueb, 10. Aufl., S. 164). Korrekt heißt es selbstverständlich bei Hartmut v. Hentig: „Die Menschen stärken, die Sachen klären“. Der Freudsche Versprecher (von Autor und Lektor!) läßt tief blicken. Besonders peinlich ist diese Entgleisung auch deshalb, weil Bueb zuvor explizit von Hentig hervorhebt. „Der große Unruhestifter in Sachen Bildung und Erziehung der Nachkriegszeit und Nestor pädagogischer Theorie und nachdenkender Praxis, Hartmut von Hentig, hat es verdient, schon wegen seiner genialen Formel zur Beschreibung der Tätigkeit aller Lehrer und Erzieher in den pädagogischen Olymp aufzusteigen.“(S.164). Dann diese fundamentale Patzer! Von dort ist es nicht weit zur neuen Verpackung: Alle Macht den Schulleitern! [2] , so der FAZ-Vorabdruck aus den neun Geboten.

Erziehung ist für Bueb wesentlich Führung und Gefolgschaft, immer mit den besten Absichten, versteht sich von selbst. Ansonsten tischt Bueb Binsenweisheiten und oberflächlichen bildungspolitischen Konsens auf. „Kinder und Jugendliche brauchen gestaltete Gemeinschaften.“ Dissens bricht bei klugen Pädagogen jedoch sofort auf, wenn er ständig betont „unter Führung von Erwachsenen.“ Bueb fordert die Ganztagsschule – wer inzwischen eigentlich nicht? Dann kommt die spezielle Buebsche Variante: „Als wesentliche Voraussetzung für das Gelingen der Ganztagsschule gilt, dass dieselben Erwachsenen, die morgens unterrichten, nachmittags als Partner im Spiel auftreten – nämlich die Lehrer.“ Fürchterlich. Dann gäbe es für Schüler kein Entrinnen mehr: die durchgeplante Lehrerschule als überwachendes Erziehungs-Gesamtprogramm. Der eingepasste Lehrer als 7.00 bis 17.00-Arbeitnehmer für die Erziehungsanstalt der Zukunft?
Und das soll der Ausweg aus der „Erziehungs- und Bildungskrise“ sein? Mit Bueb zurück in die Führungszukunft?

Wir brauchen stattdessen starke selbstverantwortliche Schulen (sprich: Schulgemeinden aus Lehrer, Schüler, Eltern und Schulleiter mit demokratischer Schul- und Lernkultur) mit Personal- Budget- und Programmhoheit. Wir brauchen die Auflösung bürokratisch-ministerialer Gängelungen (da hat Bueb im Grundsatz recht), die schnelle Beseitigung der Überregulierungen im Schulalltag. Muss deshalb das Berufsbeamtentum für Lehrer abgeschafft werden? Ein alter Vorschlag, den Bueb erneut aufwärmt und glaubt, dass sich die Lehrer dafür selbst einsetzen müssten. Wo lebt der Mann?
Nehmen wir einmal an, dass die Lehrer tatsächlich sagen würden: Warum nicht? – so schlage ich vor: Als Pilotprojekte sollten zuerst die Kultusministerien und Schulämter dienen; denn Führung heißt Vorbild sein für mehr Flexibilität, Kreativität und Zivilcourage. Das wäre der Praxistest der Ernsthaftigkeit und Glaubwürdigkeit zur beamtenrechtlichen Reform. Gut, dass wir uns noch unseres eigenen Verstandes bedienen und diesen nicht beim Pförtner, pardon „Führer“, abgeben. Von dem einstigen Reformpädagogen Bernhard Bueb ist nicht mehr viel geblieben.

6 Comments (Open | Close)

6 Comments To "Bernhard Bueb – Allmachtsphantasien aus der Mottenkiste"

#1 Comment By h.althoff On 8. September 2008 @ 22:13

Hallo Bildungswirt,
man braucht nicht erst Dein Buch „Lob der pädagogisch-gastronomischen Vernunft durchgearbeitet zu haben, um zu erkennen, welch dünne Suppe aus der Buebschen Feder die FAZ vergangene Woche dem Leser aufgetischt hat. Mich schüttelte es schon beim Lesen der Überschrift „Alle Macht den Schulleitern“ – Zum Kotzen auch diese Selbstgewißheit in der Wortwahl von „9 G e b o t e der Bildung“ –
Schön, Deine Replik auf diesen Artikel zu lesen. Ich glaube, ich muß mal eine Leser-mail an die Suppenküche verfassen.
h. althoff

#2 Comment By fuchs On 9. September 2008 @ 01:34

Habe lange hin und her überlegt, was ich zum jetzigen Zeitpunkt zu diesem Thema beitragen möchte. Vorerst kein Kommentar, sondern nur zusätzlicher Input:
Hier meine Lieblingspassagen aus der Antwort eines Salem-Schülers an Herrn Bueb, nachdem dieser „Lob der Disziplin“ veröffentlicht hatte: ( [10]).

-„Das Buch hat sein Ziel schon längst erreicht: Die Debatte um Erziehung in Deutschland ist angestoßen.“

-„Ich unterwarf mich gerne!“

-„Salem hat eines der besten demokratischen Systeme, das ich von Internatsschulen kenne. Schülerverwaltung und Leitung sind miteinander verflochten. Bueb erklärt dieses System für gescheitert; er behauptet, Jugendliche wären nicht reif für den Umgang mit Demokratie.“

-„Bueb geht von zu intellektuellen Erwachsenen und zu wenig intellektuellen Jugendlichen aus.“

#3 Comment By Uli On 15. September 2008 @ 09:05

Die Menschen kl&#228ren! Genau darauf kommt es an. Das ist die Basis f&#252r eine exzellente Bildung.
Klarheit im Bewußtsein, Konzentrationsf&#228higkeit und (Selbst)disziplin sind die S&#228ulen f&#252r Lernf&#228higkeit.
Wer das nicht will, und seit den 70er Jahren immer das gleiche schwafelt, will in Wirklichkeit an der Verwahrlosung der Kinder verdienen, wie sie von der Massenkonsumindustrie zu Massenmenschen geformt werden, will vielleicht an den Privatschulen verdienen oder ganz einfach das gute Bewußtsein den Privatschulen &#252berlassen, die damit den Elitevorsprung behaupten können.

#4 Comment By tommy aus sicilien On 15. September 2008 @ 11:21

BITTE AUFWACHEN !!!!!!!
Der mann wird hofiert mit seiner DISZIPLINKEULE.glaubt da wirklich noch jemand ernsthaft dran?die jugendlichen von heute wird er damit nicht gewinnen k&#246nnen.
das k&#246nnt ihr mir glauben.
Bildungswirt ,weiter so.
sonnige gr&#252sse tommy

#5 Comment By Lea Kaufmann On 6. Oktober 2008 @ 11:49

Wie gut, dass es noch andere lichte Geister gibt, die Herrn Bueb nicht auf den Leim gegangen sind: klug, originell und erfrischend präsentierte sich mal wieder Denis Scheck und sein Team in »druckfrisch« vom 06.10.08. Ihr Kommentar zu Buebs Pflicht zu führen: »Eine Pflicht zu führen kenne ich offen gestanden nur von Blindenhunden. „Der Bildungsnotstand in Deutschland resultiert aus einem Mangel an Führung“, schreibt der pensionierte Internatsleiter Bernard Bueb im zweiten Aufguss seiner pädagogischen Thesen. Mir scheint eher das Gegenteil richtig: der Bildungsnotstand resultiert aus einem bedauerlichen Missverhältnis zwischen gebildeten Indianern und ungebildeten Häuptlingen.«

#6 Comment By derBonbonpunk On 6. November 2010 @ 17:53

Ich verweise darauf, das in der 2.Auflage auf S.164 die Formel von Hartmut von Hentig noch korrekt verwendet wurde.