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FAZ blubbert bildungspolitisch durchs Land

4. September 2008 · von Miller · 1 Kommentar Artikel drucken Artikel drucken

Auf der Titelseite der Print-FAZ von heute ist groß zu lesen : „Bildungspolitik braucht ehrgeizige Ziele“. Wohl wahr! Nur welche ehrgeizigen Ziele sind das? Mit welchen Inhalten und Ausgestaltungen? Durch welches Personal umgesetzt? Wie finanziert? Welcher Zeitplan liegt vor? Der Leser erfährt nichts. Stattdessen fließt ein großes Geblubber durch den deutschen Wald der Binsenwahreiten. Die Kanzlerin „rückt das Bildungsthema ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit“, setzt sich für den nationalen Bildungsgipfel am 22.10. in Szene. „Das ärgert die Ministerpräsidenten“, es gibt eine „zusätzliche Verstimmung“ wegen der Merkelschen Bildungsreise. „Das Vorpreschen der Bundesregierung stärkt nicht die Solidarität unter den CDU-Ministerpräsidenten“ und „die Ministerpräsidenten haben zur Bildungspolitik fast immer ein ambivalentes Verhältnis“. Die unionsgeführten Länder „verspielen leichtfertig ihren bildungspolitischen Kompetenzvorsprung“ und so weiter, bla und blubb. Im ersten Fazit versteigt sich die Chefkommentatorin zur verwegenen These, dass die Ministerpräsidenten „aber mit ihren Kultusministern auf Kriegsfuß stehen.“ Prüfen wir das einmal am Beispiel Hessens. Roland Koch und Jürgen Banzer auf Kriegsfuß? Was würde da der gemeine Hesse antworten, z.B. der klar denkenden Bauer aus der Wetterau? „Ei, was en Geschwätz, die sind doch en Kopp un en Arsch.“ Koch und Banzer verfolgen selbstverständlich, Schulter an Schulter, die gleichen Ziele, was sonst?

Weiter faselt der Kommentar im Neusprech von der „demographischen Rendite“, hört sich einfach schick an. Gemeint sind die Finanzmittel, die durch den starken Rückgang der Schülerzahlen eingespart werden können (weniger Personalkosten, weniger Lehr- und Lernmittel, weniger Schulträgerkosten). Keine konkreten Zahlen des Schülerrückgangs, keine Bezifferung des Sparpotenzials und alternativer Verwendungsmöglichkeiten. Armselig! Angedeutet werden „verabredete Forderungen wie verpflichtende Sprachstandsfeststellungen und Förderunterricht vor Schulbeginn oder Aufstiegsstipendien für Nichtabituriennten“.

Nebulös geht’s weiter mit: „Viele knüpfen an vorhandene Projekt an und sollen sie strategisch verbinden, weitere sollen neu hinzukommen.“ Nicht fehlen darf der Hinweis auf die „Initiative Abschluss und Anschluss“, der gebetsmühlenartige Verweis auf den Fachkräftemangel bei den Ingenieurberufen und die Senkung der Quote der Schulabbrecher. Mit Verlaub, alles alte Kamellen, seit vielen Jahren bekannt, zig-fach angemahnt und bildungspolitisch durchgewunken: Schön, dass wir wieder einmal darüber reden konnten. Doch bei Bildungslaien, auch bei Journalisten, die gerne Pressemitteilungen abschreiben, immer noch gut genug für wichtigtuerische Zeilen. (Als Gegengift empfehle ich heute den Bildungsbericht 2008). Zum Schluss wird dann noch die obligatorische „tiefe Vertrauenskrise, in der das Bildungssystem steckt,“ konstatiert, die „halbherzigen Schritte“ kritisiert und – den Blick nach vorn gerichtet – „die Chance einer gemeinsamen Initiative von Bund und Ländern“ naiv beschworen. Was ein Finale, die Sprechblasen-Dreschmaschinen ziehen ihre medialen Kreise. In der FAZ hatte ich schon Besseres gelesen.

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1 Antwort bis jetzt ↓

  • 1 Paule // 17 Okt 2008 um 14:45

    Brillante Textanalyse. Sollte bei der FAZ mal gründlich bedacht werden. In den letzten 6 Wochen war Zeit dafür. Bin gespannt, was die FAZ aktuell zum Bildungsgipfel kommentiert. (Sollten vielleicht mal öfter in Bildungsblogs lesen). Jedenfalls sind aalglatte Interviews mit den meisten Kultusministern und KMK-Vertretern langweilig und wenig faktenreich.

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