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Lohnspirale abwärts – wirtschaftspolitische Argumentationen

1. September 2008 · von Miller · Keine Kommentare Artikel drucken Artikel drucken

Mit der sozio-ökonomischen Grundbildung ist es in Deutschland nicht weit her. Das gilt nicht nur für den sog. Otto-Normalverbraucher, sondern auch für die Mehrheit der Oberstufenschüler des Gymnasiums – auch für einen Großteil der Lehrer. Der oft schwer genießbare Cocktail aus betriebs- und volkswirtschaftlichen Fachbegriffen (Konjunktur, Export-Import, Binnennachfrage, Kapitalkosten, Arbeitskosten, Produktivität, Lohnquote, Gewinnquote, Volkseinkommen, Leistungsbilanz, Bruttoinlandsprodukt etc.) und kleineren, kompliziert erscheinenden Argumentationsketten führen zu Desinteresse und dem Gefühl „Ökonomie ist nichts für mich“, ein Buch mit „sieben Siegeln“.

Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass die vorherrschenden Theoriebildungen – angebotsorientierte Wirtschaftspolitik versus nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik – eher als Scheinriesen fungieren. Je näher man hinschaut, desto kleiner sind sie. Die Argumentationen wiederholen sich in einer unendlichen Schleife, die mit entsprechend aufbereitetem statistischen Material gestützt werden.

Hat man das Spiel einmal verstanden, erkennt man, dass hunderte von anscheinend neu publizierten Artikeln und Büchern, allein in den letzten zwei Jahren, eben nicht wirklich neu sind. Sie bleiben in den vorher schon bekannten Argumentationsketten. Entwickeln wir ein Beispiel zur Anwendung:

Die Binnennachfrage, der private Konsum, ist mit ca. 60% der gesamtwirtschaftliche Leistung (das in einem Jahr erwirtschaftete Bruttoinlandsprodukt; Waren und Dienstleistungen in Euro bewertet) der Hautpfeiler der Konjunktur. Der zweite Pfeiler ist der Export. Löhne sind wesentlich, volkswirtschaftlich gesehen, „Kaufkraft“. Steigen sie, wird i.d.R. mehr konsumiert und dadurch die Konjunktur gestützt. Folglich wären Lohnsenkungen bzw. Lohnstillstand Gift für die Konjunktur. Das subjektive Interesse jedes Arbeitnehmers ist mehr Lohn für mehr Konsummasse (in unsicheren Zeiten mehr „Vorsorge mit Spareffekten“, was ebenso Gift für die Konjunktur ist, da dem Konsum entzogen). Das subjektive Interesse des Arbeitgebers ist es, wenig Lohn zuzahlen (auch im Gewand von Lohnverzicht für den Erhalt des Arbeitsplatzes oder der Forderung nach „moderaten Lohnsteigerungen“), denn Löhne sind Arbeitskosten, die Unternehmen tief halten wollen. Ein völlig rationales Verhalten, das betriebswirtschaftlich stimmig ist. Die betriebswirtschaftlichen Rationalitäten der vielen unkoordinierten Unternehmer (die unsichtbare Hand des Marktes soll die Koordination richten, Preisermittlung durch Angebot und Nachfrage, z.B. in Form von Niedriglöhnern am sog. Arbeitsmarkt) schlagen jedoch volkswirtschaftlich in ihr Gegenteil um, da die Nachfrage (Kaufkraft) sinkt. Zum Teil kann dies durch verstärkten Export aufgefangen werden (Deutschland als Exportweltmeister). Deshalb die Forderung der Arbeitgeber, mit einer psychologischen Angstfärbung für die Mehrheit der Bevölkerung vorgetragen, „deutsche Wettbewerbsfähigkeit nicht gefährden“, Drohung mit „Arbeitsplatzverlagerung“ falls die Arbeitskosten zu hoch sind. Grundkonzept: Gürtel enger schnallen! An jeder beliebigen Stelle der Argumentationen kann eine weitere Verzweigung angedockt werden, z.B. das Problem der Produktivitätsentwicklung und der Investitionstätigkeit.

Ökonomisch unterschiedliche Interessen(und ihre personalen Vertreter) sind deshalb meist schwerhörig gegenüber (auch gut gemeinten) moralischen Appellen. Die übergeordnete „Vernunft“ beanspruchen alle; meist mutiert diese und kommt als im Plural gewandelte „Vernünfte“ dahergehinkt.
Probiert selbst solche Argumentationsketten aus. Als Material kann der heute erschienene Artikel Spirale abwärts genutzt werden. Jederzeit findet ihr im Netz unzählige weitere Beispiele.

Ausführliche Darlegung zur angebots- und nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik hier.

PS. Und wie würden dazu knapp gefasste Bildungsstandards für die gymnasiale Oberstufe aussehen? Auch für Schüler und Eltern verständlich?

Kategorien: Allgemein · Bildung · Bildungsstandards · Unterricht · Wirtschaft

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