Minister-Erkenntnisse 2008 zur eigenverantwortlichen Schule – Erhellendes nebenbei
„Ich will versuchen, sie ein wenig zu bespaßen“ (…)
1. Die „finanziellen Ressourcen sind zu wenig“, es wird „neue Verteilungsdiskussionen geben“ und „mit der demografischen Rendite allein“,(…) „ wird nicht der Bedarf zu decken sein“.
2. „Albträume von Politikern“– „Macht nach unten abgeben zu müssen“, d.h. die Zügel loslassen und nicht durch die Hintertür wieder einführen, denn „auch ein goldener Zügel ist ein Zügel“.
3. „Beim Aufbau neuer Kompetenzstrukturen haben wir offensichtlich ein Zuviel an Verwaltungsstrukturen und Kontrollstrukturen reingegeben“.
4. Der Begriff der eigenverantwortlichen Schule sollte besser in selbständige Schule gewandelt werden. „Denn Schulen sind nicht eigenverantwortlich, sondern der Gesellschaft gegenüber verantwortlich“.
5. Die Budgethoheit sollte bei denen liegen, die dies „am klügsten verwalten und effizient einsetzen können“, und das sind die Schulen vor Ort.
6. „Juristische Selbstständigkeit ist nicht für jeden Schultyp der 2000 Schulen geeignet, hier müssen wir noch intensiv diskutieren.“
(aus dem Vortrag des Staatsministers Jürgen Banzer am 29. September 2008: Fachtagung des HKM, IQ und AfL Eigenverantwortung in der Praxis. Was brauchen eigenverantwortliche Schulen in Hessen?
Der gelungene Einstieg hatte etwas von der Tiefe eines Karl Valentin im Sinne von – nehmt euch nicht immer ganz so ernst – , womit der Redner sicher richtig lag. Bleibt zu hoffen, dass sich die Politiker von ihren Albträumen schnell erholen und in heiteren Tagträumen den Weg zur ‚Selbständigen Schule’ ebnen. Auch bei der juristischen Selbständigkeit, sprich Rechtsfähigkeit, liegt der Minister goldrichtig. Lassen wir doch z.B. die Grundschulen damit in Ruhe, beginnen aber endlich bei den Berufschulen, Gymnasien und großen Gesamtschulen (auf freiwilliger Basis). Geredet worden ist in den letzten 3 Jahren genug, Taten sind gefragt.
Als lockere Assoziation will ich noch eine fast 100-jährige literarische Textstelle hinzufügen: (…) „Eingewurzelte Rechte und Überlieferungen der Trägheit widerstanden jeder Neuerung. Findet man ängstliche Philister und arbeitsscheue Brotsitzer dort, wo die Kunst ihre Stimme erheben soll, so gibt es keinen Aufschwung mehr, sondern nur noch bürgerliche Pflichten. Da welkt die Blüte, da verkümmert der Traum, da muss der freigeborene Geist gegen alle Dämonen der Kleinlichkeit und Mittelmäßigkeit in Waffen stehen, oder er wird niedergeschlagen.“
aus: Jakob Wassermann, Das Gänsemännchen, 1912/1914)
Himmel hilf! Aufgrund eines Datenbank-Updates ist uns eine große Panne passiert. 20 Kommentare von euch in der Zeit vom 09.Sept. bis 29.Sept. sind unbeabsichtigt gelöscht worden. Dies betrifft vor allem die Artikel zu “Abitur verkauft – 4. Nachlese”, “Zehn Prüfsteine für einen guten Unterricht” , “Berhard Bueb: Allmachtsphantasien aus der Mottenkiste” und “Bildungswirt liest”.
Was tun?
a) Am besten ihr stellt eure Kommentare in den nächsten 48 Stunden noch einmal neu ein, soweit noch verfügbar
b) Wir bemühen uns, eure Kommentare – soweit als möglich – aus einer Backup-Datei wiederherzustellen.
“Für alle hessischen Schülerinnen und Schüler wird via Internet ein kostenfreier Zugang zu allen zentralen Prüfungsaufgaben mit Lösungshinweisen gewährleistet. Dies gilt für die gymnasiale Oberstufe (Abitur) genauso wie für die Haupt- und Realschulprüfungen.”
Herr Banzer, korrigieren Sie diese dicken Fehler Ihres Ministeriums! Hessen als „Bildungsland Nr.1″ ist kein Kiosk, der Prüfungssonderangebote an privat verscherbelt!
Die Antwort des Kultusministers auf die parlamentarische Anfrage der Grünen ist inzwischen überfällig.
Es gilt von Seiten des Bildungswirts weiterhin das Angebot, eines schnelle Lösung der Misere im Konsens mit zu entwickeln. Wenn der Verantwortliche will, so ist die Lösung in 4 Wochen erreichbar. (Klar sollte jedoch sein, dass diejenigen in der Bildungsverwaltung, die für diese Fehlentscheidung mit zuständig waren, nicht gleichzeitig mit der Lösung beauftragt werden können).
Dem gesamten hessischen Landtag wäre gedient, vor allem dem Ansehen in der Öffentlichkeit, insbesondere bei der betroffenen jungen Generation. Gegen “Politikverdrossenheit” hilft nur Einsicht in begangene politische Fehler und Bereitschaft, diese zu korrigieren. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es! Politiker können sich hier als lernfähige Subjekte in der Gestaltung des Gemeinwohls erweisen.
Ableben aufgeschoben: Wenn ein schon todkranker Patient im künstlichen Koma am Leben erhalten wird, weil die (Erb)Folge noch nicht geregelt ist, bemühen sich zahlreiche Gesundbeter darum, durch die Magie eines neuen Namens den Patienten noch einmal wiederzubeleben.
So soll auch dem potentiellen Koma-Patienten „Hauptschule“, durch einen neuen Namen eine neue Identität verschafft und quickdynamische Lebensgeister eingehaucht werden. (So ist das jüngst in Frankfurt auf dem großen, kostspieligen Hauptschultag versucht worden.) Auch wenn dann Altes im Gewand des Neuen auferstehen soll, darf der neue Name natürlich nichts beschönigen oder verschleiern.
Damit die Wiederauferstehung auch gelinge, empfehlen wir, Anregungen aus dem Bereich der christlichen Heilslehre zu holen, z. B.:
· Frohe-Botschaft-Schule (FBS) oder
· Himmelfahrtsschule (HS) oder
· Glaube-Liebe-Hoffnung-Schule (GLHS)
In Anspielung auf die Strapazierfähigkeit des pädagogischen Objekts der Begierde könnte man im neuen Namen auch die neue humane Qualität aufscheinen lassen und damit auch einen reibungsloseren Übergang in eine weiter führende Schule erleichtern
· Laminatgymnasium als konzeptionelle Weiterentwicklung des
· Brettergymnasiums im Übergang zur
· Baustellen-Schule mit höherer Anschlussfähigkeit an das
· Internationale Parkett-College
Oder erfolgreich aus der
· Förderschule (Pardon, Name ist ja bereits vergeben) in die
· Förder-duch-Forder-Schule weiter in das
· Trostpreisgymnasium
Man könnte sich bei der neuen Namensgebung aber auch stärker an der Lebensweltnähe bzw. der Bildungsbiografie seiner Nutzer orientieren:
· Restvolksschule oder
· Überlebenskampfschule oder
· Charles-Darwin-Schule oder
· Empowerment College
Für alle Schüler, deren Illusionen trotzdem platzen, bleibt am Ende noch die
· April-April-Schule
P.S. Und immer wieder muss es betont werden:
Nicht in der Hauptschule, sondern in jedem Hauptschüler wohnt ein Zauber inne, man sollte ihn nur erkennen wollen! Der bevorstehende nationale Bildungsgipfel am 22.10. liefert hier bestimmt bahnbrechende Erkenntnisse aus der Tiefe des Raums.
“Ich glaube nicht, dass wir das System Schule völlig neu erfinden müssen. Natürlich bedeutet Freiheit auch mehr Verpflichtung. Denn Freiheit ist in der Regel mit Mehrarbeit und nicht mit weniger Arbeit verbunden.”
Kultusminister Jürger Banzer in BILDUNGBEWEGT, Ausgabe 2/2008, S. 11
(Da muss man erstmal draufkommen. Alle Achtung, so Freiheit, Verpflichtung und Arbeit zusammen zudenken. Es bleibt nur noch die Frage, warum Lehrerinnen und Lehrer in Hessen so darauf erpicht sind, diese Freiheit zu erlangen. Da fällt mir spontan nur noch Orwell mit seiner Kreation des Neusprech ein: “Freiheit ist Sklaverei.”)
1. Die Debatte wird nach wie vor intensiv geführt; die Landtagsfraktionen Grüne, SPD, FDP, Die Linke suchen nach einer Lösung, bei der CDU ist leider nichts bekannt. Über 7000 Mal wurde die Artikel-Serie des Bildungswirt bisher gelesen, 26 Kommentare geschrieben. Hervorheben will ich stellvertretend:
a) den Kommentar von Daniel Zimmermann zur 3. Nachlese (3. Sept.), der die Debatte nochmal gut in ihren Stationen zusammenfasst
b) F.J. Oderbruch zur 2. Nachlese (15.Sept.), der sich offensichtlich gut mit Veröffentlichungen des Landtags auskennt und die richtigen Links legt
c) Manuel Schuhmann zur 1. Nachlese (18.Juni), der als Oberstufenschüler seine Verärgerung über diese bildungspolitische Fehlentscheidung zum Ausdruck bringt.
Danke an alle Kommentarschreiber: weiter so, kommentieren, mitdenken, nachdenken, querdenken, sich einmischen, Ansichten und Einsichten veröffentlichen; gern auch mal als Gastblogger!
2. Ergänzend zur parlamentarischen Anfrage der Grünen hat die FDP aktuell nochmal mündlich in der Sache nachgefragt. Folgende Info liegt vor:
Sehr geehrter Herr Dr. Miller,
im Auftrag unserer schulpolitischen Sprecherin, Frau MdL Dorothea Henzler, und Herrn MdL Wolfgang Greilich, innenpolitischer Sprecher und ebenfalls Mitglied im Kulturpolitischen Ausschuss des Hessischen Landtags, teile ich Ihnen mit, dass wir beiliegende Mündliche Frage in den Hessischen Landtag zum o.g. Thema eingebracht haben. Sobald uns die Antwort der Landesregierung vorliegt, werde ich diese an Sie weiterleiten.
Mit freundlichen Grüßen
Tanja Miehle
Mündliche Frage Nr.
des Abg. Wolfgang Greilich (FDP)
Ich frage die Landesregierung:
Aus welchen Gründen stellt die Landesregierung nicht mehr die zentralen Prüfungsaufgaben des Landesabiturs und der Haupt- und Realschulabschlussprüfungen auf der Internetseite des Hessischen Kultusministeriums ein und verhindert somit einen einfachen und kostenfreien Zugang für alle Schülerinnen und Schüler zu Übungsaufgaben?
Wiesbaden, 16. September 2008
3. Die Grünen bleiben weiter dran. Folgende Info liegt am 11. September vor:
Sehr geehrter Herr Miller,
eine Antwort liegt noch nicht vor.
Wir werden Sie informieren, sobald sie eingegangen ist.
Mit freundlichen Grüßen
Mathias Wagner
4. Die Linke ist ebenfalls auf dem neuesten Stand und hat aktive Unterstützung zugesagt. Die Antwort der Landesregierung soll kritisch geprüft werden, ob die bekannten Forderungen erfüllt werden.
5. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissensschaft (GEW) als größte Lehrerorganisation räumt der Sache jetzt doch erhöhte Aufmerksamkeit ein. Im Oktober-Heft der Hessischen Lehrerzeitung (HLZ) wird ein ausführlicher Artikel erscheinen.
6. Die hessische Landesregierung, insbesondere Kultusminister Jürgen Banzer, wird in den nächsten Tagen zur Sache den Landtagsfraktionen antworten. Der Bildungswirt wird ausführlich berichten und die veröffentlichte Stellungnahme zu den 10 Fragen kommentieren.
Zehn Prüfsteine für einen guten Unterricht – eine Alternative zu Spickmich
Guten Unterricht gestalten will jeder; eine tägliche, kritische Selbstprüfung für Lehrerinnen und Lehrer. Ein komplexer Bildung- und Erziehungsauftrag, der immer wieder neu öffentlich diskutiert werden muss
Bewerten Sie Ihren Lehrer, sprechen Sie mit Ihren Kindern über den Unterricht, sprechen Sie mit anderen Eltern, gehen Sie in die Schule und suchen Sie das offene Gespräch.
Folgende 10 Prüfsteine dienen als Selbstreflexion und Praxistest für guten Unterricht eines Lehrers:
1. wer seinen Unterricht mehrdimensional plant, aber prinzipiell situativ, problem- und personenbezogen offen ist für NEUES
2. wer die Lernenden (im Rahmen ihrer Möglichkeiten) an Planung und Strukturierung des Unterrichts beteiligt und regelmäßig Schülerfeedbacks zu konkreten Einzelstunden durchführt und dokumentiert
3. wer Themen und Inhalte seines Unterrichts auf die Erfahrungen und die Interessen der Lernenden zu beziehen vermag
4. wer sich vom Verlauf des Unterrichts überraschen lassen kann und mit unerwarteten Wendungen (viele gute Einfälle von Schülern) erfolgreich umgehen kann
5. wer seine ›Stofffixiertheit‹ reflektiert überwunden hat
6. wer als Lehrender versteht, warum ein Lernender oft nicht verstehen kann
7. wer Lernende motiviert, sich mit den Grenzen ihres Vorwissens und ihrer Wissensinteressen zu beschäftigen
8. wer Lernenden Mittel und Wege aufzeigt, ihr Lernen selbständiger zu strukturieren und ein unterschiedliches Lerntempo in der Gruppe/beim Einzelnen akzeptiert
9. wer Lernende dazu herausfordert, die Ergebnisse ihrer Lernprozesse selbst zu beurteilen
10. wer es vermeidet, ›abstrakte Autoritäten‹ zur Begründung des Unterrichts heranzuziehen (typische Motivationskiller: »Ich will eigentlich ja auch nicht, aber der Lehrplan, die Bildungsstandards,
das Ministerium, die Schulaufsicht … deshalb müssen wir jetzt …«).
Fortsetzung von Crux (3) Kurzbeschreibung der fächerübergreifenden Kompetenzbereiche
I. Personale Kompetenzen /Selbstkompetenzen
Personale Kompetenzen beinhalten: Wirksame Werthaltungen erkennen, eigene Werthaltungen und Arbeitstugenden entwickeln, sich über Werte diskursiv austauschen, mit Differenzen umgehen können, sich selbst und andere anerkennen und schätzen und ggf. Krisen allein oder mithilfe anderer bewältigen lernen .
Lernprozesse selbst müssen deutlich stärker zum Gegenstand von Bildung werden: Einschätzung des eigenen Lernstandes und der Lernmotivation, Beurteilung von Lehrangeboten, Organisation von Zeit, Ort und Tempo des eigenen Lernens, Entwicklung von Lernstrategien, Einschätzung von Erfolg/Misserfolg des Lernergebnisses.
II. Soziale Kompetenzen
Das sozial-kulturelle Leben allgemein und dieArbeits- und Wissenschaftsorganisation der Gesellschaft insbesondere erfordern Kommunikationsfähigkeit, Konfliktfähigkeit, Fähigkeit zur Teamarbeit und Kooperation. Ohne derartige soziale Kompetenzen ist eine „reine Fachkompetenz“ nur begrenzt nutzbar. Der Mensch ist zuallererst eingesellschaftliches Wesen. Soziale Kompetenzen sind daher unverzichtbar.
III. Kommunikative Kompetenzen
Kommunikative Kompetenzen sind grundlegend: das Know-how des Sprechers und das Know-that des Interpreten. Sprach- und Kommunikationspraktiken, Lebensformen und Weltbilder sind unaufhebbar miteinander verwoben. Verstehensleistungen und Verständigung als existenzielle menschliche Fähigkeiten bedeuten die Ausbildung immer neuer Vorverständnisse, Horizonterweiterungen und Perspektivübernahmen zu (neuen) „Weltansichten“. Kommunikative Zeichen als Wert zu verstehen heißt sie als Artikulation einer Differenz bewusst wahrnehmen und selbst wiederum kreativ anwenden.
IV. Methodisch-instrumentelle Kompetenzen
Gemeint sind Fähigkeiten, sich Neues zu erschließen, auszuwählen, zu bewerten und anzuwenden. Dabei geht es auch um den systematischen Aufbau von Routinehandlungen und eines Methodenrepertoires, die fächerübergreifend gelten. Lernstrategien, Lerntechniken und Formen der Informationsorganisation rücken ins Blickfeld, um Erkenntnisprozesse zu erleichtern und abzusichern.
V. Erweiterte Fachkompetenzen
Im Kern geht es um die Verknüpfung von “intelligentem” inhaltlichen Wissen mit der Fähigkeit zu dessen Anwendung.Kompetenzen in der nationalen Verkehrssprache Deutsch und internationalen Verkehrssprache Englisch sind hierzu ebenso unverzichtbar wie eine anwenderorientierte IT-Kompetenz und eine weitgehend fachunabhängige Grundlage logischen Denkens. Komplexe Problemlösungen erfordern immer wieder interdisziplinäre Herangehensweisen und Prüfung unterschiedlicher „Fachlogiken“ und Hintergrundannahmen.Im Zusammenhang mitproblemlösendem Denken kommt dem exemplarischen Lernen und der Medienkompetenz eine besondere Bedeutung zu.
Mit der Darlegung dieser fünf fächerübergreifenden Kompetenzen soll hier mit Nachdruck betont werden, dass es sich aus Gründen der Veranschaulichung um eine rein analytische Trennung handelt. In der Förderung der Kompetenzen im Unterrichtwerden fließende Übergänge die Regel sein, insbesondere beim engmaschigen Netz von personalen, sozialen und kommunikativen Kompetenzen, vereinigt in der sich entwickelnden Persönlichkeit des Lernenden.
Die systematische Förderung dieser fünf allgemeinen fächerübergreifenden Kompetenzen bei den Lernenden in der alltäglichen Unterrichtspraxis bedeutet nichts anderes als die weiterausdifferenzierte Umsetzung des öffentlichen Bildungsauftrages in der gymnasialen Oberstufe:
1. Entfaltung der Persönlichkeit fördern
2. Studierfähigkeit und Weiterbildungsfähigkeit entwickeln
3. Fähigkeit zur Mitgestaltung des demokratischen Gemeinwesens stärken.