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Nationaler Bildungsgipfel – Milliardenforderungen!

26. August 2008 · von Miller · 1 Kommentar Artikel drucken Artikel drucken

Der Berliner Tagesspiegel freut sich über eine griffige Headline:
„ Zöllner will zehn Milliarden mehr für Bildung“
Die Akteure des nationalen Bildungsgipfels am 22. Oktober positionieren sich, stecken ihr Terrain ab und tragen z.B. als Kultusminister eines Bundeslands Milliarden-Forderungen an den Bund ran.
Der Berliner Bildungssenator Jürgen Zöllner versucht als einer der ersten im “Tagesspiegel” Klartext zu sprechen. Ich will das kommentierend etwas systematisieren:

1. “Der Bildungsgipfel ist der Glaubwürdigkeitstest für die Bundeskanzlerin”, meint Zöllner. Recht hat er; nur vergisst er, dass dies für die Landesfürsten ebenso gilt. ”Sonntagsreden sind genug gehalten”, meint er. Stimmt, aber auch von vielen Ministerpräsidenten und Kultusministern. Nur mal locker in die Runde „5 bis 10 Milliarden“ (Zöllner) zu fordern ohne konkrete Anbindung an exakt ausgewiesene Inhalte / Forderungen ist allerdings unprofessionell (wo bleibt ein nachprüfbarer Finanzierungs- und Zeitplan für konkrete Projekte wie z.B. frühkindliche Musikförderung, Spracherziehung, Sportförderung, Medieninitiative in der Realschule, neue Lehrerausbildung, Ausbau der Ganztagsschulen, sukzessive Steigerung der Abiturientenquote auf 75% bis 2020, Reduktion der studentischen Abbrecherquote an Unis und Fachhochschulen um 50% bis 2013 etc.). Die Forderung, 5 bis 10 Milliarden so mal unreflektiert in den öffentlichen Raum gestellt, grenzt an rhetorisches Blendwerk; als ob 5 Milliarden Differenz in der Bildungspolitik nicht Welten bewegen könnten. Stellen wir uns nur vor, dass der Bildungsgipfel tatsächlich 5 Milliarden ausschließlich für ein ehrgeiziges Großprojekt 2009-2013 beschlösse: „20% ige Steigerung der hermeneutischen Kompetenz in Verbindung mit Internetkompetenz“ für die Schülerinnen und Schüler der 7. bis 10. Klasse aller Schulformen. Dazu ein Eliteprojekt mit 5000 Oberstufenschülerinnen und –schülern, das als Referenzprojekt und Meilenstein zukünftig für alle Schüler Richtlinie sein könnte. Bund und Länder ziehen an einem Strang. Zu schön, um wahr zu sein. Oder stellen wir uns vor: Bundesweit 50.000 neue Bewegungsassistenten verändern den Schulsport (täglich mindestens 1 Std. Bewegung und nicht 1 x pro Woche 2 Std.). Sie rücken der bedrohlich wachsenden Fettleibigkeit und der falschen Ernährung auf den Leib, motivieren Schüler ganz praktisch zur Übernahme von Selbstsorge, animieren zur Arbeit am eigenen SELBST! Sie kreieren zusammen mit den Schülern ein neues Bewegungsgefühl, eine neue Bewusstheit durch Bewegung!

2. Sprachförderung und Integrationspolitik: „Soll der Bund doch zeigen, was er kann!“, sagte Zöllner. Stimmt schon wieder. Dann müssen die Länder aber auch die Effizienz ihrer Bildungspolitik und die Ausgestaltung ihrer Reformvorschläge auf den Prüfstand stellen, z.B. auch die Effizienz ihres “Vermittlerorgans”, die KMK. Altbundeskanzler Helmut Kohl meinte schon 1997: “Die reaktionärste Einrichtung der Bundesrepublik ist die Kultusministerkonferenz; im Vergleich dazu ist der Vatikan noch weltoffen.” Wer ständig das Förderalismusprinzip in Deutschland betont und die “Zuständigkeitsfrage” anmahnt, soll auch endlich mit dem Wettbewerb der Länder um die beste Bildungspolitik beginnen (und eben keine Gremiendeals einer privilegienvergebenden Hinterzimmerpolitik fördern).

3. Zöllner fordert den Bund zu mehr Engagement auf: „Wo sind die Weiterbildungs-Konzepte des Bundes?“ Recht hat er, der Bund hat eher etwas von einem lahmen Esel als von einem kreativen Innovationszentrum (Wären Google und Microsoft so vorgegangen, würden sie immer noch in der Garage sitzen und Bedenken prüfen). Fakt ist, dass entgegen der Weiterbildungsrhetorik und der ständigen Betonung der Wichtigkeit, die realen Ausgaben in den letzten 10 Jahren gesunken sind. Das gilt sowohl für die öffentlich geförderte als auch für die private Weiterbildung. (Hier sollten die Akteure den jüngst vorgelegten Bildungsbericht 2008 genau lesen! Die Faktenlage ist eindeutig!)

4. Zöllner fordert des Weiteren einen „Bildungs-TÜV“, indem jedes Gesetz und jede staatliche Investition überprüft werden, ob sie dem Ziel einer Bildungsreform genügen. Hört sich oberflächlich gut an ; der alte Lenin winkt aus dem Grab: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“ Und das Krebsgeschwür der Bürokratie freut sich, die Aktendeckel wachsen….Ob das der richtige Weg ist? Sollte nicht endlich Geld und Zuständigkeit unbürokratisch an die seit 10 Jahren vielbeschworene „Selbstverantwortliche Schule“ fließen? Kein Brosamen, sondern tatsächlich verfügbare zweckgebundene Finanzmittel, die die Schule für ihren pädagogischen Gestaltungsprozess einsetzen können. Eine Vertrauenskultur entwickeln heißt hier auch Entscheidungen der Schulen vor Ort zu akzeptieren, die nicht unbedingt jedem Ministerialbeamten passen. Zusätzlich bedarf es der Schaffung von Konkurrenzinstituten der schulischen Qualitätsentwicklung, die mit den Schulen zusammenarbeiten. Ein Landesinstitut pro Bundesland, bestückt mit Landesbeamten, ist zu schwach und nicht kreativ genug wirklich neue Lernwelten zu entwickeln, um den komplexen internationalen Anforderungen zu genügen.

5. Last but not least: Die Bereitschaft zu einer Grundgesetzänderung (Artikel 115 GG) kann zum Lackmustest für das Gelingen einer Bildungsreform werden. Da hat Zöllner einfach Recht! Neue Verschuldungskriterien sind zu definieren, damit Bildungspolitik nicht gegen Straßenbau ausgespielt werden kann. Freuen wir uns auf den nationalen Bildungsgipfel am 22.10. und hören gespannt darauf, “was hinten raus kommt” (Helmut Kohl).

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1 Antwort bis jetzt ↓

  • 1 P.Jung // 8 Okt 2008 um 23:20

    Bin neu auf eurem Blog, gefällt mir gut. Was ich sagen wollte:Wurde auch mal Zeit, dass die Milliardenforderungen substanziell etwas unterfüttert wurden. Besonders wichtig finde ich die Steigerung der hermeneutischen Kompetenz (da mangelt es aber gewaltig) und die Forderung nach bundeswieten Bewegungsassistenen.
    Helmut Kohl hat einfach gute Sprüche, gibt es in dieser Richtung noch mehr?

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