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Hauptschule, Jugendkriminalität und Medien

23. August 2008 · von Miller · Keine Kommentare

Hauptschule, Jugendkriminalität und Medien

Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsens hat jüngst eine neue Studie zu Jugendgewalt und Jugenddeliquenz vorgelegt, die in Fachkreisen bekannte Einsichten noch einmal empirisch stützt.

Der Zusammenhang von – niedriger Schulbildung, gesellschaftlichen Integrationsproblemen und Jugendkriminalität – wird evident. Die Studie, gestützt auf eine intensive Befragung von 5000 Schülern in Hannover, nimmt zusätzlich Vergleiche zu den anderen Landeshauptstädten wie München und Stuttgart auf. Rabold/Baier/Pfeiffer kommen u.a. zu folgendem Ergebnis: „ Die Hauptschule ist im Verlauf der letzten zehn Jahre schrittweise zu einem eigenständigen Verstärkungsfaktor der Jugendgewalt geworden. Da in ihrer Schülerschaft der Anteil der familiär und sozial erheblich belasteten Jugendlichen stark gewachsen ist, haben sich negative Aufschaukelungs- und Ansteckungseffekte ergeben, denen die Schulen nur schwer entgegensteuern können.“

Konsequente moderne Schulpolitik seit 1998 zeige jedoch in Niedersachsen Wirkung. So ist der Anteil türkischer Jugendlicher, die ein Gymnasium besuchen, um drei Viertel angestiegen (von 8,7 auf 15,3%), während die Quote der Hauptschüler stark zurückging (47,1% auf 32,5%) (…) Der Anteil der Hauptschüler ist insgesamt von 22,6% auf 16,7% gesunken, die Quote der Gymnasiasten ist von 35,0 auf 40,5 gestiegen… Eine vergleichbare Entwicklung hat es weder in Stuttgart noch in München gegeben.“ (…) Der in Hannover festzustellende Trend zu höherer Schulbildung korrespondiert mit einer rückläufigen Deliquenzbereitschaft.“
Die Forscher stellen desweiteren fest: Die Gewaltrate der Migrantenjugendlichen fällt umso niedriger aus, je höher die Quote der deutschen Freunde ist. Je mehr die Migrantenjugendlichen dagegen „unter sich“ bleiben, umso stärker entwickelt sich eine delinquente Peer-Kultur von Außenseitern, die von einem Gefühl der Benachteiligung geprägt ist und aggressive Tendenzen gegen „die Deutschen“ entwickelt. In den Haupt-und Realschulen outen sich 28% der Schüler als „ausländerfeindlich“, in den Gesamtschulen liegt ihr Anteil bei 19 %; bei Gymnasien und Waldorfschulen liegt der Wert bei 14 %.
Die politische Richtung kann deshalb nur konsequente Integrationspolitik heißen und damit Verhinderung von Parallel-Gesellschaften.

Die Forscher sehen auch einen Zusammenhang zwischen extensivem Medienkonsum, Gewaltdarstellungen in den Medien und tatsächlicher Gewaltausübung. „Generell hat sich gezeigt: (1) Je mehr Zeit Schüler mit Medienkonsum verbringen und je brutaler die Inhalte sind, umso schlechter fallen die Schulnoten aus. (2) In Verbindung mit anderen Belastungsfaktoren erhöht der Konsum exzessiver Mediengewalt das Risiko beträchtlich, dass Jugendliche Gewalt ausüben. (3) Ein beachtlicher Teil der männlichen Jugendlichen gerät in suchtartiges Computerspielen.“

Die Studie plädiert unmissverständlich für den Ausbau unserer Schulen zu echten Ganztagsschulen. „Diese Lösung erscheint als einziger Ausweg aus der vor allem die Jungen aus sozialen Randlagen betreffenden, krisenhaften Zuspitzung ihrer Situation.“ Das programmatische Motto soll heißen: „Lust auf Leben wecken durch Sport, Musik, Theater und soziales Leben.“
Schulpolitisch ist der Trend klar: Das Auslaufmodell Hauptschule ist nicht zu retten. Auch das Bayerische Kultusministerium, das noch verbissen an der Hauptschule festhält, wird das spätestens in 8-10 Jahren einsehen. Wie lange der Lernprozess in Hessen noch dauern wird, ist zurzeit noch ungewiss. Hauptschule ade heißt trotzdem: In jedem Hauptschüler wohnt ein Zauber inne, man muss ihn nur entdecken (wollen). Auch viele sog. „Hauptschüler“ könnten mit neuer Pädagogik und Didaktik einen gymnasialen Abschluss erwerben.

PS. Apropos „gefühlte Kriminalitätstemperatur“.
Zwar gehe die schweigende Mehrheit der Bevölkerung davon aus, dass die Kriminalität während der
Jahre 1993 bis 2005 insgesamt „stark zugenommen“ habe, alles krimineller werde (die Jugendlichen so wieso) – man spüre es, kenne die Geschichten, lese aufmerksam die Boulevardpresse und sehe die spezifischen TV-Sender. Nur hat das alles mit den Fakten wenig zu tun.Tatsächlich, so die Forscher, seien schwere Delikte wie Mord, Wohnungseinbruch, Bankraub oder Autodiebstahl seit 1993 um 40 bis 80 Prozent zurückgegangen. Allerdings sei nur einem von zehn Bundesbürgern dieser Umstand bewusst.

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Tags: Allgemein · Bildung · Dunkelkammer · Gymnasium · Hauptschule