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Lehrer als Führungskräfte? Bildungswirt im HR-Interview

8. August 2008 · von Miller · Keine Kommentare Artikel drucken Artikel drucken

Fortsetzung des Beitrags:
Pädagogen auf Leitbildsuche – Lehrer als Führungskräfte – mit anderen Mitteln:

© manwalk / PIXELIO
© manwalk / PIXELIO -  www.pixelio.de Die Journalistin Birgitta Schulte hatte für die Radioproduktion des Hessischen Rundfunks am 05. August 2008 nur 15 Minuten Sendezeit. Folglich mußten viele Antworten der Befragten einfach gestrichen werden. Schade, leider nicht zu vermeiden. Gern hätte ich z.B. die vollständigen Statements der Schülerinnen und Schüler oder des Referendars der Hola in Hanau zur „Führungs-Debatte“ gehört.
Vom Bildungswirt Miller liegen die Antworten zu den Fragen der Journalistin Schulte im Original vor (Tonbandmitschnitt) und werden ergänzend zur Radiosendung hier veröffentlicht:

Was ist ein Lehrer?

Er ist weder ein Vollzugsbeamter, noch Befehlsempfänger (zitiert in der Einleitung des Radiobeitrags), er hat einen Eid auf die hessische Verfassung geleistet, er ist verantwortlich für diese Kinder, dass sie schlauer werden, dass sie Persönlichkeit entwickeln.
Na ja, die ganze Debatte ist angestoßen worden von den Arbeitgebern mit ihrer Broschüre „Lehrkraft 2015“ und von dort meinen einige, dass das eine Option wäre, um Schule zu verändern.

In ihrem Sinne keine Option?

Das wird man sehen, das ist eine Möglichkeit. Insgesamt wäre ich schon froh, wenn die Mehrheit der Schulleiter „Führungskräfte“ wären, die die Schule tatsächlich steuern. Und da sollte man jetzt im ersten Schritt die Lehrkräfte eher in Ruhe lassen.

Das ist jetzt strategisch gedacht?

Strategisch in dem Sinne, mit welchen Begriffen man angemessen Wirklichkeit beschreiben, einordnen will. Und da steht das Thema, dass wir ineffiziente Lernkulturen haben, dass wir das Lehrerbild neu beschreiben müssen, neu aufstellen, neu definieren müssen, und da halte ich Begriffe wie: ein Lehrer ist ein Organisator von neuen Lernarrangements, ein Lehrer ist ein hervorragender Methodiker und Didaktiker, ein Lehrer ist ein Fachexperte, er ist ein Moderator, das halte ich für die angemesseneren Begriffe und nicht so entscheidend, ob man daraus eine Führungskraft konstruiert. Denn wenn man das so akzeptiert, wie die Arbeitgeber das konstruieren, ist die Führungskraft grundsätzlich verantwortlich, wenn es nicht klappt, sind immer die Lehrer selber schuld an der Misere. Und das halte ich im Moment nicht für den richtigen politischen Weg. Also wichtig ist, dass wir Veränderung in die Schule im Kerngeschäft „Pädagogik“ reinbringen, dass wir die Lehrer unterstützen im Rahmen der Qualitätsverbesserung des Unterrichts, und sie nicht belasten mit Debatten, ob jeder Lehrer eine Führungskraft ist.

Steht das einander entgegen: der Lehrer als Pädagoge und der Lehrer als Führungskraft, sind das Gegenbegriffe?

Das hängt davon ab, ob man aus dem Blickwinkel der Bildungsverwaltung schaut oder aus den Schulen, für die Bildungsverwaltung wäre es von Vorteil, wenn sozusagen ne Durchgriffsvariante bis zur „Führungskraft Lehrer“ existiert würde. Für die Schulen ist entscheidend, was kommt raus: an Pädagogik , Umgestaltung des Schullebens für die Schüler und wie kriegen wir effizienteren Unterricht hin. Dann ist es so, dass man immer die deutsche Tradition mit im Kopf haben muss: bei Führern haben wir Geführte, auch schnell Verführte. Wenn jeder jetzt als Führungskraft tituliert wird, sehe ich im Moment nicht den Fortschritt.

Was bedeutet das:Durchgriffsvariante ?

Ja, im Extrem sind für alle Defizite, für alle Versäumnisse die Führungskräfte vor Ort zuständig. Und das ist im Rahmen der Weitergabe der Belastung nach unten nichts anderes als ein guter Verkaufstrick. Und das ist nicht, was die Schulen brauchen. Die Schulen brauchen verlässliche Strukturen vom Budget her, von der Personalplanung her und auch von Freiheiten, die sich auf neue Lernkulturen und Unterrichtsexperimente beziehen.

Ich habe Sie mal so verstanden, als würden Sie sich weigern, den Begriff Führungskräfte auf Lehrkräfte anwenden zu sollen, was wäre der Grund?

Ach Gott, weigern, das ist zu dick aufgetragen. Ich frage immer nach dem Nährwert, nach der Angemessenheit eines Begriffs und ob wir ihn in der bildungspolitischen Debatte brauchen. Im Moment – ja oder nein? Und da spielt er für mich zurzeit eine untergeordnete Rolle.

Welche Debatte soll denn angestoßen werden?

Die Arbeitgeber sagen berechtigterweise , dass wir eine Unterfinanzierung des Bildungssystems haben, das müsste man auch mal zitieren. Vielleicht findet man dann mehr Führungskräfte.
Wir haben handfeste Themen auf der Tagesordnung und die heißen neue Lernkulturen, die heißen weg von der Instruktionspädagogik, die heißen hin zu einem deutlich angenehmeren Lernen, Neugierverhalten, das gestützt werden muss, und da ist diese Führungsdebatte drittrangig.

Entgegen aller Reformrhetorik ist die vorherrschende Form in Deutschland immer noch Frontalunterricht, sie ist immer noch gespeist von der Idee des Nürnberger Trichters, sie fragt – ein anderer Begriff – nach Container-Pädagogik, welchen Container können wir in welcher Zeit rüberschieben, ins Hirn des Schülers. Ich glaube, das ist drastisch genug beschrieben. Das ist aber nicht die Aufgabe einer neuen Pädagogik, da sind heute Schlüsselwörter angebracht wie: Selbstorganisation, selbstorganisiertes Lernen, Persönlichkeitsbildung durch Experiment und unterschiedliche Wege, Vielheit der Herangehensweisen.

Was ist überhaupt an Verhaltensänderung zu erwarten, wenn Lehrer sich mit diesem Begriff identifizieren?

Also da sind wir jetzt im spekulativen Bereich. Wenn sie sich wirklich identifizieren, will ich positive Effekte nicht ausschließen, insgesamt glaube ich jedoch, dass die große Mehrheit sich eher zusätzlich belastet fühlt, wir alle drei/vier Monate irgendwelche Neuerungen durchs Land posaunen und das nicht unbedingt produktiv ist für eine Verbesserung der Unterrichtsqualität.

Das wäre der Effekt, wie Kultur sich ändert in der Schule?

Wie Kultur sich ändert, das werden wir dann sehen, was sich in einem Kollegium tut, wenn sich das wirklich durchsetzen würde. Es stärkt erst mal die Position des Lehrers gegenüber den Schülern. Es ist zumindest die Gefahr gegeben, das ein ganzes Arsenal an Sanktionsmöglichkeiten sozusagen noch mal staatlich abgesichert wird. Und der Schüler dann in so einer vertragsrechtliche Konstruktion – „Was wollen wir zusammen erreichen“ -steckt, das, was auf der Erwachsenen-Ebene die Mitarbeitergespräche sind. Am Schluss sind sie noch für ihre schlechten Noten selbst verantwortlich, und man versucht die Sache in eine verrechtlichte Situation zu bringen, die eher einer modernen Pädagogik kontraproduktiv entgegensteht.

Die Ambivalenz solcher Maßnahmen sieht man an solchen Varianten von Erziehungsverträgen, die dann auch mit dem Schüler geschlossen werden. Er wird also in so eine vertragsrechtliche bürgerliche Idee hineingestoßen, hat aber grad gleichzeitig gar kein Recht es abzulehnen. Die Bedingung von Vertragsfreiheit ist aber, dass er sagen kann – nein – ich mache dieses Geschäft nicht. Genau diese Möglichkeit hat der Schüler nicht mehr und unter dem Deckmantel von „Freiheit und Verantwortung“ können sich sozusagen subtile autoritäre Strukturen in der Schule neu etablieren und das muss man wissen, ob man das politisch will. (Antwort in der Radiosendung weitgehend zitiert)

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