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Die Crux mit den Bildungsstandards (2)

5. August 2008 · von Miller · 2 Kommentare Artikel drucken Artikel drucken

In die Crux mit den Bildungsstandards (1) wurden grundsätzliche Bemerkungen zur Voodooformel BS und deren Beliebtheitswert dargelegt. Die Richtung der BS-Debatte sollte sein:
„Weg von der Anstalt, hin zur lebendigen Schule, Abschied vom Lernvollzugsbeamten, hin zum Lernberater, Organisator und Arrangeur komplexer Lernsituationen. Weg von hausbackenen Prüfungen und Bulimielernen, hin zu einer modernen kompetenzorientierten Prüfungsdidaktik.“ (Crux 1)
Crux 2 knüpft an diese Argumentation an und umkreist den Kompetenz- und Standardbegriff.

Bildungsstandards sind vorwiegend Kompetenz- und Leistungsstandards. Als Standard gilt in der deutschen BS-Debatte der sog. Regelstandard – also ein mittleres Leistungsniveau, welches überschritten oder unterschritten werden kann. (Die KMK lehnte 2003 die Empfehlung der Experten, u.a. Klieme, Avenarius, Blum, Döbrich, Prenzel, nach nationalen Bildungsstandards als Mindeststandards ab, da KMK-Aktivisten die Sprengkraft einer Schulreform durch solche Standards gesehen/geahnt haben. Was tun mit den Hunderttausenden Schülern, die den Mindeststandard nicht schaffen? Das schulpolitische Waterloo wäre offensichtlich geworden. Maximalstandards können nicht in Frage kommen, da sie nur von einem sehr kleinen Teil zu erreichen sind, z.B. als Prüfungsstandard der Abiturprüfung mit der Note 1,0. Der bundesdeutsche Durchschnitt – die Regel –liegt beim Notenwert 2,5.)

Was wird aber unter Kompetenz verstanden?
In der Bildungsstandard-Debatte wird meist F. E. Weinert (2001) wie folgt zitiert:
Kompetenzen sind „die bei Individuen verfügbaren oder durch sie erlernbaren kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten, um bestimmte Probleme zu lösen, sowie die damit verbundenen motivationalen, volitionalen und sozialen Bereitschaften und Fähigkeiten, um die Problemlösungen in variablen Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll nutzen zu können.“

Mit Verlaub, auch durch massenhaftes, schablonenhaftes Zitieren wird der avisierte Gehalt und der praktische Nutzen nicht vermehrt. Diese Definition taugt kaum für die schulische Praxis. Weitere variantenreichen Definitionen schwirren notwendigerweise durch die Lüfte; jeder Begriff (jede sprachliche Verfasstheit einer Situation) ist zunächst ein Vor-Urteil, geprägt durch meist verdunkelt mitgeschleppte Interessen, Blickwinkel, Neigungen, eingebettet in historische und situative Kontexte. Wer Aufklärung, Aufhellung will, ist zur Dauer-Kommunikation ohne Rückfallversicherung „verdammt“.

 

In meinen eigenen Vorträgen verwandle ich die Weinert-Definition zu folgender Arbeitsdefinition, die semantische Gewichte anders akzentuiert und die Vorläufigkeit und Prozesshaftigkeit betonen will:

„Kompetenzen sind die vom Subjekt erlernten oder verfügbaren kognitiven und körperlichen Fähigkeiten, situationsangemessen Probleme zu lösen. Kompetenzen beinhalten über die kognitiven Wissensbestände hinaus auch wandelbare Haltungen des Subjekts, ästhetische Wahrnehmungen, Wertvorstellungen, Handlungsmotive und kulturelle Praktiken.“

Mit Verlaub, im Prinzip kein wirklicher Fortschritt für eine schulische Pragmatik. Was tun?
Es kommt darauf an, sich immer wieder klarzumachen, dass Definitionen in lebendigen Sprachen (im Unterschied zu einer Formal- und Kunstsprache wie z.B. der Mathematik) selten ein Problem und seine Bedeutungen „klären“ können. Es kommt eben auf die Umstände und Kontexte an und diese können sehr verschieden sein. Das Vage, Flüssige, Unbestimmte gehört dazu, ohne dass wir dadurch in unseren praktischen Entscheidungen und Handlungen beeinträchtigt werden –im Gegenteil. Im praktischen Vollzug heißt die gängige Frage: Wie meinst du das? Ach so – ja, so leuchtet das mir ein – jeder kennt das in unzähligen Situationen, vorausgesetzt die Teilnehmer wollen verständigungsorientiert kommunizieren. Wer verstehen und praktisch wirken will, hängt sich nicht verbissen an Definitionsfragen auf, er gibt sich mit vorläufigen Arbeitsdefinitionen zufrieden. Die Bedeutung eines Begriffs, einer Begriffskette, zeigt sich im situativen Gebrauch und nicht in starren Vorab-Reglementierungen.

Wir wissen als sprachfähige Teilnehmer und Organisatoren von und in schulischen Lernprozessen durchaus, was Kompetenzen sind. Wir wissen um den Unterschied von Wissen, Können und Wollen. Wir wissen um unterschiedliche Wissensarten, Könnerstufen und Haltungen. Wir wissen um die Orientierungsformel: Jeder, der etwas kann, weiß (implizit oder explizit) etwas. Aber nicht jeder, der etwas weiß, kann etwas. In diesem Fall sprechen wir von trägem Wissen oder manchmal auch von totem Wissen, das blockiert.

Als Kurzformel ist Kompetenz der Dreiklang aus Wollen, Können und Wissen. Sie gilt für Schüler wie für Lehrer oder Ministerialbeamte. Schiefe Dreiklänge gibt es überall. Da gibt es z.B. Schüler, die wollen, auch etwas wissen, aber noch nicht richtig können. Da gibt es z.B. Ministerialbeamte, die durchaus etwas wissen und können, aber nicht richtig wollen. Da gibt es z.B. Lehrer, die durchaus etwas wollen und etwas können, aber noch zu wenig wissen (u.a. über tiefsitzende Lernblockaden bei Schülern). Manchmal wäre vielleicht dann doch ein Vierklang, eine andere Färbung angemessener. Da müssen die Beteiligten mit offenen Karten spielen und ein offenes Ohr anstreben – sonst gibt es keinen Harmonie-Fortschritt, keinen wirklich neuen vollen Sound.

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2 Antworten bis jetzt ↓

  • 1 M.Beier // 8 Aug 2008 um 17:21

    Ich bin erst vor einigen Tagen auf euren Blog gestoßen, sehr interessante Artikel. Die Spanne des Kompetenzbegriffs und die „Voodooformel“ der Bildungsstandards im Artikel Crux 1 sind mir klar geworden. Gibt es demnächst auch mal konkrete Bildungsstandards für die Schulpraxis oder nur mehr theorielastige Beiträge?

  • 2 Miller // 10 Aug 2008 um 21:39

    @Beier.
    Ohne theoretische Reflexion, d.h. immer auch Sprachreflexion unserer Praxis, unserer verwendeten Begriffe und ihrer mitschwingenden Bedeutungshöfe wird es nicht gehen. Insofern wird die Crux-Serie weitergeführt.
    Vorschläge zu konkreten Bildungsstandards? -Ja, werden zeitnah als knapp gefasste Bildungsstandards im Blog unterbreitet; sie beziehen sich sowohl auf überfachliche Kompetenzen als auch fachspezifische Kompetenzen. Nur Standards im Umfang von 3 bis 5 Seiten pro Fach haben m.E. eine Chance praxiswirksam zu sein. Die konkrete Ausgestaltung in Arbeits- und Neugierplänen erfolgt vor Ort in selbstverantwortlichen Schulen. Aufgeblähte Hefte mit sog. Bildungsstandards wie zurzeit in der Sek. I und der Grundschule sind vor allem umgeschminkte Lehrpläne. Sie hatten in der Vergangenheit (wohlwollend gedeutet) nur ein sehr begrenzte Steuerungsfunktion. Die „neuen sog. Bildungsstandards“ der KMK seit 2003 wird höchstwahrscheinlich das gleiche Schicksal einholen – gelesen, gelacht, gelocht.

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