Der Bildungswirt

Bildung Schule Kultur Wirtschaft

Der Bildungswirt header image 1

Vorbilder, Abstürzler und Korruptionssumpf (1)

31. Juli 2008 · von Miller · Keine Kommentare Artikel drucken Artikel drucken

Der Gott der Alten wurde entzaubert und der Gott des Geldscheins regiert global; es wird geschmiert, dass die Schwarte kracht. Der Korruptionsskandal bei Siemens ist mit bisher ermittelten 1.300.000.000.-Euro der größte der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Tonnenweise Beweismaterial, hunderte Ermittler und am Ende wahrscheinlich milde Urteile ( so wie das jüngst gefällte) und viel Hornberger Schießen. Das Image vieler Industriekapitäne ist komplett ramponiert, sie sind Absturzkandidaten, als Vorbilder für Leistung und Leidenschaft ungeeignet. Doch, man mache sich nichts vor, die Medienkarawane zieht weiter und Absturzkandidaten erholen sich schnell wieder in neuen Gewändern und Sesseln. Wer ist auch so naiv, dass man Korruptionssümpfe einfach trocken legen könnte? Man kann sie maximal als kultivierte Feuchtgebiete eindämmen. Korruptionsfreie Gesellschaften gibt es praktisch nicht, die Korruptionsfalle schnappt täglich zu. Der Kampf dagegen ist eben nicht nur eine Frage der Ermittler und der Gerichte, sondern eine Frage der gelebten Moral, der gestalteten soziokulturellen Praxis, nicht nur den Manager und bestechlichen Beamten. Deshalb lohnt es sich, neben einer Betrachtung „Siemens und weltweite Freunde“ etwas tiefer ins Korruptionsthema einzutauchen.

Zuerst ein kleiner Ausflug zu den „großen Männern und Frauen der Geschichte“, insbesondere für unsere historischen Feinschmecker:

„In Europa hatte die Korruption in den feudalen Flächenstaaten des 18. Jahrhunderts Systemcharakter. Friedrich II. bestach Minister am Hof von Kaiserin Maria Theresia und war sicher, dass diese wiederum seine Minister bestach. Diplomaten hatten gewissermaßen ein Anrecht auf Bestechung. Die scharfe Trennung zwischen Amtseinkommen und Amtsführung, die Vollbesoldung von Beamten ist in der jungen europäischen Vergangenheit eine französische Erfindung. Diese Grundsätze hatten die Hohenzollern bis zuletzt nicht wirklich akzeptiert. In der Praxis hatte Preußen ein Mischsystem – übrigens im Gegensatz zu Bayern. Gesehen vom preußischen Hof aus waren Beamte Diener des Königs, die sich zum Teil von so genannten Sporteln zu ernähren hatten. Sporteln sind Vergünstigungen in Geld oder Naturalien, die der Beamte vom Empfänger einer Dienstleistung erhält. Preußische Professoren durften erwarten, dass Studenten, die Examen machten, sich für dieses etwa mit Gänsen bedankten.

Bis gegen Ende des Kaiserreichs erhielten preußische Beamte nur etwa zwei Drittel des Gehaltes, das sie zur Finanzierung desjenigen Lebensstils benötigten, der von ihnen auf Grund des Dienstranges erwartet wurde. Die Hohenzollern bezahlten ihre Beamten nicht wirklich für Arbeit, sondern gewährten ihnen eine Apanage. Zum Ausgleich gab es daneben Beihilfen – bis heute eine Eigenart unseres Besoldungswesens -, zusätzlich Erlaubnisse zum Nebenerwerb. Dabei kam es immer wieder zu Unzuträglichkeiten. Durch Erlass verbot der preußische König seinen subalternen Beamten nach Dienstschluss das Fiedeln in Kaschemmen. Wer Offizier wurde, brauchte reiche Eltern, eine betuchte Braut oder einen Geldverleiher.

Bayern-König Ludwig II. wurde von Bismarck mit jährlich um die 300.000 Goldmark bestochen; hierfür sollte er sich für die Ausrufung des Preußenkönigs zum deutschen Kaiser einsetzen. Zur Bestechung von Journalisten hatte Bismarck einen eigenen „Reptilienfonds“ eingerichtet, über den er freihändig verfügen konnte (den Ausdruck hatte Bismarck in einer Rede vor dem Abgeordnetenhaus gebraucht, als er hannoversche Journalisten „bösartige Reptilien“ nannte, die überall dort aufträten, wo Fäulnis sei, und die bis in ihre Höhlen hinein verfolgt werden müssten.)

Im öffentlichen Bewusstsein verkehrte sich die Bedeutung des Ausspruchs. Wer zu Bismarck in Oppostion stand, gab ihm den Sinn, der Ministerpräsident verwende das Geld nicht zur Bändigung, sondern zur Fütterung von Reptilien. Mit beiden Versionen war das Richtige getroffen worden. Einerseits diente das beschlagnahmte Privatvermögen des Hauses Hannover dazu, antipreußische Aktivitäten der Emigranten und solche des Protestes in der neuen Provinz im Zaum zu halten. Andererseits aber gab ihm dieser Dispositionsfonds, über den Bismarck ohne Rechenschaftslegung verfügte, auch die Möglichkeit, die Agitation von Gesinnungsfreunden und geheimdienstliche Tätigkeiten zu finanzieren.“

Das kann alles intensiv nachgelesen werden bei Peter Barth: Korruption – ein rechtliches oder moralisches Problem?. Er hielt seinen brillanten Vortrag übrigens an der Bayerischen Beamtenfachhochschule der Polizei in Fürstenfeldbruck im Sommersemester 2000/2001.

Kategorien: Abitur · Allgemein · Bildung · Dunkelkammer · Feuchtgebiete · Hauptschule · Kunst/ Kultur · Vorbilder · Wirtschaft

0 Antworten bis jetzt ↓

  • Es gibt keine Kommentare bis jetzt...

Hinterlasse ein Kommentar