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Geist und Gehirn denken – auch mit der FAZ

25. Juli 2008 · von Miller · 18 Kommentare

Geist und Gehirn denken – auch mit der FAZ

Elektronengehirn von fuchur 2007 bei Flickr Puzzlebrain auf Flickr von fuchur 2007

Seit 19. Juli läuft in der FAZ die alte/neue „Geist-Gehirn-Debatte“ und am 25. Juli kumuliert die Sache vorläufig in: „Vor dem Richterstuhl der Vernunft„. Um was geht es?

Auf der personalen Ebene: Singer gegen Janich.
Der international bekannte Frankfurter Hirnforscher Wolf Singer steht gegen den renommierten Marburger Philosophen Peter Janich im Streit um Ergebnisse und Interpretationen der neuesten Hirnforschung. Der abgedruckte Briefwechsel löste wiederum eine Flut von qualifizierten Leser-Bloggerbeiträgen aus.

Auf der inhaltlichen Ebene: unterschiedliche Wissenschaftsverständnisse und komplexe Sprachspiele.
Singer ist argumentationsmüde und will den eher zermürbenden Austausch von Argumenten ersetzen durch ein „gemeinsam konzipiertes und gemeinsam durchgeführtes Experiment“ mit der Pointe an Janich: „Bitte schlagen Sie ein Experiment vor, mit dem die These falsifiziert werden kann, dass alle („geistigen“) Phänomene auf neuronalen Prozessen beruhen und folglich diesen nach- und nicht vorgängig sind.“ Im Klartext: Am besten, du Philosoph, lass dich in den Tomographen schieben und wir werden sehen, ob es einen „immateriellen Agenten“ gibt, dessen „Gedanken und Entscheidungen neuronale Prozesse im eigenen Gehirn anstoßen“ oder ob doch aller Geist auf der materiellen Basis „Gehirn“ beruht. Janisch wiederum kontert, indem er Singer vorwirft, dass er nicht verstehe, was er eigentlich tue. „Nicht Hirne erforschen Hirne durch bloße neuronale Aktivität, sondern da muss in die Welt der Dinge mit Händen eingegriffen werden, und zwar nach Regeln.“ Er verweist auf Singers ungeklärtes Lieblingswort „beruhen“ und will ihn, Wittgenstein geschult, auf eine Sprachreflexionsebene locken. Er weist zudem moralisch entrüstet den Vorschlag zurück, ihn „persönlich zum Objekt Ihrer Laborverfahren zu machen.“
Petra Gehring, Philosophieprofessorin, springt in ihrem Beitrag „Was der Neurowissenschaftler Singer nicht gelernt hat“ (24.07.) sprachphilosophisch und wissenschaftstheoretisch Janich bei und prangert die „gnadenlose Naivität des Neurowissenschaftlers“ frech-forsch an. Hans J. Markowitsch, Professor für physiologische Psychologie, versucht vermittelnd mit seinem Beitrag „Ohne Gehirn kein Denken“ (22.07.) einzugreifen, indirekt aber mehr Singer zu stützen.
Naja, „Ohne Gehirn kein Denken“, da wären wir aber selbst nicht drauf gekommen und schöne Glasperlenspiele gibt es fast überall. Zu allem gibt es eine Menge qualifizierter Beiträge aus der Leserschaft oder Blogosphäre. Stellvertretend will ich die Beiträge von Uwe Paulsen (Wohlmeinender) hervorheben, die zusätzlich in die Welt der Thermodynamik einführen und die These von der „seamless web of cause and effect“ scharf zurückweisen. Eine Gegenposition bezieht wiederum Heinz Georg Schuster „Ideen haben eine materielle Basis im Gehirn“.
Wie auch immer neuronale Aktivierungsmuster beobachtet und beschrieben werden, das Hirn-Energiegestöber via FAZ scheint zu funktionieren; das gilt für die Kontrahenten und die Mit-Diskutanten.

Zum vorläufigen Abschluss greift Michael Pawlik, Professor für Strafrecht, mit seinem Beitrag „Vor dem Richterstuhl der Vernunft“ (25.07.) in die Debatte ein. Ja, das Verfahrensrecht und das komplexe Elend der Beweislast, ja, so richtert die Vernunft durchs Wissenschaftsland.
Nur, was tun, wenn sich die Kontrahenten nicht auf das Verfahren der „Beweise“ einigen können, sich auf andere, inkommensurable Wissenstraditionen stützen und den wechselseitigen Geburten, manchmal Ungeheuern der Vernünfte nicht trauen?
Pawlik ist sichtlich bemüht „ein ernsthaftes Gespräch über den wissenschaftstheoretischen Status der experimentellen Hirnforschung“ zu initiieren, denn „beide Seiten könnten zu lernen haben.“ Wohl wahr! Nur lassen dies die Eigenschwingungen der interaktiven neuronalen Erregungsnetze zu? Wenn es denn wider erwarten doch zum Prozess kommen sollte, so hat den Richtervorsitz – so mein Vorschlag – der Kollege Humor inne. Beisitzer in den Verhandlungen sind: a) Vernunft 1, b) Vernunft 2, c) Kollege Körperfreuden mit ausgedehnten Hirnfunktionen.
Bei einer Pattsituation der Entscheidung wird das Verfahren auf unbestimmte Zeit vertagt. Unterhändler beider Seiten könnten sich in der Zwischenzeit an Traditionstexten der Philosophie abarbeiten, z.B. an Friedrich Nietzsche (1878/1886), Menschliches, Allzumenschliches, Zweiter Band, Zweite Abteilung: Der Wanderer und sein Schatten, insbesondere Bemerkung (21) Der Mensch als der Messende, (23) Ob die Anhänger der Lehre vom freien Willen strafen dürfen? und (24) Zur Beurteilung des Verbrechers und seines Richters.
Im Gegenzug beschäftigen sich die Unterhändler mit „Hirnforschung und Meditation. Ein Dialog: Wolf Singer/ Matthieu Ricard, 2008″. Der buddhistische Mönch Ricard hat sich Dank seines buddhistischen Grundlächelns in der Welt auch im Singer’schen Labor eingefunden und bereitwillig seine neuronalen Aktivitätsmuster während der Meditation aufzeichnen lassen. Für ihn, der sich seines reinen Gewahrseins sicher ist, bestätigen die Maschinenmessungen (z.B. Zunahme synchroner Gamma-Oszillationen) nur das, was eine 2500-jährige Tradition eh schon weiß: Meta-Bewusstsein durch Introspektion ist real herstellbar als absolute Aufmerksamkeit, gerichtet auf hirninterne Vorgänge. Durch Meditation können neue mentale Zustände hergestellt und gelernt werden, die auch später willentlich wieder aktiviert werden können. Also, es gibt ihn doch den „freien Willen“, die willentliche Selbstreferenzialität der Gehirnschleifen, aufgelöst im Meta-Bewusstsein. Die bewusste Herstellung klarer und stabiler Geisteszustände ist eben etwas anderes als das interne (unbewusste) Geplapper neuronal messbarer Aktivitätsmuster. Geist ist nicht identisch mit Gehirn und Weisheit hat eben andere Kriterien als Wissenschaft. Wolf Singer dürfte das (inzwischen?) auch so sehen!

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Wirtschaft, Kultur, Solidarität

25. Juli 2008 · von Miller · Keine Kommentare

Wirtschaft, Kultur, Solidarität

Es gibt nichts GUTES – außer man tut es!

Deshalb haben der Bildungswirt und sein Gastropartner im Odyssee Frankfurt folgende kleine Sommerinitiative gestartet:
Politisch-gastronomische Solidaritätspreise
Solidarität mit den Beschäftigten im Tarifkonflikt 2008:
„Der wirtschaftliche Aufschwung kommt offensichtlich nicht bei der breiten Bevölkerung an. Die Preise steigen, die Gewinne der Großunternehmen sprudeln, die Löhne stagnieren oder sinken real in den letzten Jahren. Wir brauchen aber alle eine Steigerung der Binnennachfrage, nicht nur den Titel ‚Exportweltmeister‘. Sollte der Aufschwung nicht kommen, kündigen wir schon jetzt unseren kleinen Solidaritätsbeitrag an:
Radikale Preissenkung bei uns in der Kneipe – trotz hoher Abgabenlast und steigender Energiepreise.
Gegen den Sommerdurst gelten im Juli und August an jedem Wochenende (Sa., So.) folgende Solidaritätspreise:

Erwachsene: jedes Bier (Pils, Hefe, Kölsch): 25 % Preisnachlaß
Kinder unter 14 Jahren: Apfelsaft, Wasser: 50 % Preisnachlaß

Damit auch junge Familien, Singles, Rentner … sich einen netten Abend in der Kneipe gönnen können.

Wir fordern Unternehmen und freie Selbständige auf, auch einen solidarisch-kreativen Beitrag zu leisten.
Genuß und Gespräch für ALLE!
Euer Michael Kubala & Maico Miller “

Zudem gibt es z.B. Musik-Kultur vom Feinsten: Samstag, 23. August, 20.00 Uhr
„Jan Pascal & Alex Kilian
Ein Sommerabend der spanischen Gitarre
Das Profi-Gitarrenduo spielt mitreißende Rhythmen der spanischen und lateinamerikanischen Musik und verzaubert das Publikum mit einer Klangreise voller Leidenschaft und Ausdruckskraft.“

Solltet ihr ähnliche Aktionen kennen, schreibt dem Bildungswirt, damit wir darüber berichten können. Altruismus ist leider kein Allheilmittel für gesellschaftliche Krankheitszustände, aber sicher besser als der neueste Egotrip und der anschließende Katzenjammer des einsamen Großstadtwolfs. Von den Lämmern wollen wir heute gar nicht reden und von Musikern, die auch Geld verdienen müssen, auch nicht.

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