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Die Crux mit den Bildungsstandards (1)

18. Juni 2008 · von Miller · Keine Kommentare Artikel drucken Artikel drucken

Bildungsstandards sind in aller Munde. Sie gelten als Fixsterne für eine neue Schulpolitik; weg von den alten Lehrplänen und der sog. Inputsteuerung, hin zu neuen Bildungsstandards und der sog. Outputsteuerung. In fast jeder Rede von Bildungspolitikern, aber auch in Broschüren der Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften, tauchen sie auf.

Bildungsstandards werden als flexible Voodooformeln gehandelt , die etwas Gutes zu signalisieren scheinen und mit nahezu beliebigen Zielen und Inhalten gefüllt werden können. „Bildung“ & „Standard“ haben positive Konnotationen (fast jeder bekennt sich zum humanistischen Erbe der Menschen-Bildung und will dafür gültige Standards, so, wie wir auch im Gesundheitswesen z.B. „Qualitätsstandards“ erwarten oder im Hotelgewerbe). Bildungsstandards sollen den Unterricht qualitativ verbessern, d.h. Schüler sollen, im Niveau aufsteigend, vielfältige Kompetenzen entwickeln. Interessant und angestrebt ist das tatsächliche Können (pragmatischer Output) des Lernenden zu einem bestimmten Zeitpunkt und weniger das nur passive abfragbare Wissen. Insofern sind Bildungsstandards im Kern Leistungsstandards und Kompetenzstandards.

Bildungsstandards dienen als diagnostische Bezugsgröße für individuellen Förderbedarf und sind Referenzsystem zur Vergleichbarkeit von Leistungen der Schulen, des jeweiligen Lernstandes und der entsprechenden Abschlüsse. Wenn zu den Bildungsstandards noch die Megaformel „neue Lernkulturen“ hinzu kommt (dreifach positive Konnotation: „neu“, “Kultur“, “lernen“), sind sie als Allzweckwaffe kaum noch zu schlagen. Hieraus erklärt sich ihr Beliebtheitswert.

Verdeutlichen wir uns die Entwicklung der letzten 10 Jahre:

In den 90er Jahren taucht verstärkt der Begriff des Standards im Bildungsbereich auf (das ist aber eher etwas für historische Feinschmecker)

PISA 2000 verursacht in Deutschland ein mittleres Erdbeben (so gut, wie wir uns bisher eingebildet hatten, waren die Vergleichdaten eben nicht. Deutschland spielte in der 2. Liga, da half auch beschwichtigende Rhetorik nichts mehr. Der Ruf nach Bildungsstandards, Tests und Evaluation wird unüberhörbar: Jetzt müsse endlich gehandelt werden, jawohl, und zwar sofort, so der Tenor.)

2003 erscheint die Klieme-Expertise „Zur Entwicklung nationaler Bildungsstandards“ (Frohlocken, ein großer analytischer Wurf der deutschen Bildungsexperten mit eindeutigen Forderungen, z.B. nach Mindeststandards in der Schule und nach mehr Bildungsgerechtigkeit. Die KMK bedankt sich und beschließt gleichzeitig einen anderen Kurs. Applaus für die Wissenschaftler und die Zusage, auch weiterhin Gutachteraufträge zu erhalten. Wohlfeiles Verhalten versteht sich von selbst.)

2003/2004 erscheinen die ersten Bildungsstandards für den Mittleren Bildungsabschluss für die Fächer Deutsch, Mathematik und Englisch (weitgehend unabhängig von Klieme & Co. werden von der KMK in hektischer Betriebsamkeit Bildungsstandards für die Mittelstufe (ergänzend in Biologie, Physik und Chemie, und später auch für die Haupt- und Grundschule vorgelegt).

2004/5 bzw. 2006/7 werden die Bildungsstandards von einzelnen Bundesländern zum Schuljahresbeginn verbindlich eingeführt. Viel Papier und wenig praktische Relevanz, so könnte man die Wirkung an den Schulen zusammenfassen.
(Von einigen positiven Veränderungen abgesehen, handelt es sich weitgehend um umgeschminkte Lehrpläne in neuem Sprachduktus. Bis 2008 wollen alle Bundesländer die KMK-Vorgaben in länderspezifische Varianten umgeformt haben, möglicherweise mit sog. Kerncurricula unterfüttern. Von einem tatsächlichen pädagogischen Neuaufbruch durch Bildungsstandards kann derzeit nicht ernsthaft gesprochen werden, weitgehend handelt es sich um Selbstbeschäftigungstherapien einer aufgeblähten, ineffizienten Bildungsverwaltung.)

2007 : Die KMK beschließt ergänzend die Entwicklung von Bildungsstandards für die gymnasiale Oberstufe „nach Möglichkeit bis 2010/2011“. (von 2003 bis 2007 glaubte man ohne Bildungsstandards auszukommen. Man habe ja die Einheitlichen Prüfungsanforderungen für die Abiturprüfung (EPAs, plus die entsprechenden FAPAs der Länder), damit sei alles geregelt. Das Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) in Berlin solle auf der Grundlage der EPA und der Berücksichtigung der Konstruktionsprinzipien der Bildungsstandards in der Mittelstufe eine Vorlage entwickeln. Bundeskommissionen werden berufen, keine eigenen Konturen in den Ländern, trotz ständiger Betonung des Förderalismusprinzips. Auch Hessen als "Bildungsland Nr.1" leistet sich keine vorwärts treibenden, eigenen Lösungen).

2008-2010/11 , warten auf das IQB Berlin? Weitgehender Konsens besteht darin, dass gravierende Schulreformen und Bildungsstandards auf allen Schulstufen notwendig seien. (Das gegliederte deutsche Schulsystem und seine Leistungsfähigkeit geraten zunehmend in die Kritik. Hauptschulen auflösen, kooperative Verbundschulen und Gesamtschulen stärken, Gynmnasien verändern– hier bricht der Konsens schon zusammen. Eine Bildungsstandard-Debatte sollte aber diese Begleitmusik mithören).

Für das Gymnasium heißt das auch Schulzeitverkürzung mit einer kontroversen G8/G9 –Debatte. Lehrplankürzungen als Übergangslösung sind weitgehend konsensual durchsetzbar und dann: zügige Einführung von Bildungsstandards für alle Fächer, auch in der gymnasialen Oberstufe. Die Konsequenzen (u.a. Zeitplanung, Finanzierung, Didaktik, Fortbildung) sind bisher wenig bedacht worden. Damit verbunden geht es um die Realisierung eines modernen kompetenzorientierten Unterrichts. Will man aber gleichzeitig den einzelnen Schüler „fördern und fordern“ und "keiner soll abgehängt werden"( wird auf jedem Symposium von Bildungspolitikern und Wissenschaftlern betont), kommt man mit Allerweltsreden nicht weiter. In der Frage der Operationalisierung trennt sich die Spreu vom Weizen.
Der übergeordnete Referenzpunkt im Abstraktionsnebel ist schnell die Sicherung der internationalen Konkurrenzfähigkeit Deutschlands in der globalisierten Welt und – fast hätte ich es vergessen – die Stärkung der Persönlichkeit (was auch immer das sein soll): Bildung ist wichtiger Standortfaktor, Voraussetzung für Wachstum und Wohlsstand.
Der Dissens lugt wieder um jede Ecke, die Lobbygruppen positionieren sich, argumentative Scheuklappen sind schwer zu entfernen, bildungspolitische Hearings werden durchgeführt und Masterpläne geschmiedet.

Grundlegend bleibt die Frage wie Bildungsstandards, neuen Lernkulturen, Subjektorientierung und eine neue Prüfungsdidaktik in eine Gesamtschau eingebunden werden können. Auf der organisationspolitischen Ebene wird parallel und ergänzend das Konzept der "eigenverantwortlichen und selbstbestimmten Schule" diskutiert. Fast schon pathetisch könnte man ausrufen: „Operator – we need solutions.“
Weg von der Anstalt, hin zur lebendigen Schule, Abschied vom Lernvollzugsbeamten, hin zum Lernberater, Organisator und Arrangeur komplexer Lernsituationen. Weg von hausbackenen Prüfungen und Bulimielernen, hin zu einer modernen kompetenzorientierten Prüfungsdidaktik.

Fortsetzung folgt …

zum Kompetenzbegriff, zu neuen Lernkulturen und Operationalisierungsvorschlägen von Unterrichtsprinzipien, zu Bildungsstandards konkret für fachliche und überfachliche Kompetenzen, zur Notwendigkeit einer neuen Prüfungsdidaktik, zur Dimension von Web 2.0 und der innewohnenden Sprengkraft für die traditionelle Fächer-Ordnung der Schule.

 

Kategorien: Abitur · Berufsschule · Bildung · Bildungsgipfel · Bildungsstandards · Gesamtschule · Grundschule/Kindergarten · Gymnasium · Hauptschule · Unterricht

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