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G8/G9 – eine schräge Debatte (5)

8. Juni 2008 · von Miller · Keine Kommentare Artikel drucken Artikel drucken

Kultusminister Jürger Banzer treibt die G8-Kürzungen in Hessen voran.

Zum 01. August 2008 soll die „Verordnung zur Änderung von Verordnungen zum verkürzten gymnasialen Bildungsgang“ inkrafttreten. Der Entwurf liegt auf dem Tisch.

Was heißt das konkret?

HKM /VO 1.8.2008, G8 Zur Vergrößerung anklicken!

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„In 2008 für verbindlichen Unterricht im Plan entfallende Unterrichtsstunden“, d.h. anders formuliert: folgende Stundenkürzungen wurden vorgenommen:

Kunst -30, Musik – 21, Geschichte – 37, Politik und Wirtschaft – 13, Erdkunde – 28, Mathematik – 32,
Physik – 32, Chemie -24, Biologie – 31, Französisch/ Latein -0, Deutsch -32, Englisch – 65, Ev. Religion – 0, Ethik – 0.

Infos für Nicht-Lehrer:
Aus 52 Wochen im Jahr ergeben sich schulisch 40 Wochen Unterricht und 12 Wochen Ferien (unterrichtsfreie Zeit). Aus 1 Wochenstunde ergeben sich 40 Jahresstunden; dafür sind 2/3 verbindliche und 1/3 fakultative Unterrichtsinhalte im Lehrplan festgeschrieben.

An der Belastungs/Entlastungsschraube kann noch einmal schulintern gedreht werden:

a) Verschiebungen von Lehrplaninhalten zwischen den Jahrgangsstufen kann durch die Fachkonferenzen der Schulen erfolgen
b) Verschiebung von verbindlichen Inhalten in den fakultativen Bereich (in bescheidenem Umfang).

Rückmeldungen zu Kürzungsabsichten aus den Schulen, aus einzelnen Fachkonferenzen, lagen dem Ministerium vor, allerdings offensichtlich wenig qualitativ neue Vorschläge zur Bekämpfung der Schulmisere.
Man mache sich die gesamte Dimension klar: Rechnen wir 250 betroffene Schulen mal 14 Fächer gleich 3500 Fachkonferenzen. Fraglich bleibt ebenso, ob eine hohe Quote an Rückmeldungen mehr Konsens in diesem heterogenen Feld gebracht hätte. Zuerst müßten die inhaltlichen Parameter und Perspektiven der Befragung klar sein.

Die Kürzung der Unterrichtsinhalte erfolgte innerhalb der Fächer mehr oder minder willkürlich. Die Leitlinie lautete: „Kürzungen für G8 müssen sein – Augen zu und durch“, Operation ausgeführt, Patient lebt noch.

Als gravierende Schwächen können weiterhin angesehen werden:

1. 34 Unterrichtsstunden für pubertierende Schüler vorzuschreiben und gleichzeitig keine Klassenlehrerstunde einzuplanen ist schlicht eine Zumutung für alle Beteiligten. Hier kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass ein reformwilliger Minister von Teilen seines eigenen Apparats vorgeführt werden soll.

2. Die gesamte Strategie baut hinterwäldlerisch explizit auf einer qantitativen KMK-„Tonnenideologie“ auf (Zeitsteuerung des formalen Stundeneinsatzes, unabhängig von inhaltlichen Ergebnissen), die sich aus einer verschrobenen Nürnberger-Trichter-Pädagogik speist (Stoff in die Köpfe drücken, unabhängig vom Sinn und der Motivation der Schüler).

3. Entscheidend für den schulischen Lernerfolg sind jedoch die qualitativen Lernzeiten des Schülers. Dies würde aber bedeuten: schnelle Abkehr von herkömmlich aufgepumpten Lehrplänen, hin zu modernen knappen Bildungsstandards auch in der gymnasialen Oberstufe, hin zu Arbeits- und Neugierplänen an den Schulen, hin zu konkreten Aufgabenpools, die der Schüler, z.B. auch im Internet, ohne die Lehrer bearbeiten kann (für den Schüler kein Notendruck, kein Zeitdruck).

4. Das bedeutet in der Arbeitsbelastung und Umsetzung von G 8, dass die Neufassung von Kompetenzstandards mit transparenten Lernhilfen (didaktischen Materialien, breite Internetstützung) für Jahrgangsstufe 5 bis 12/13 auf der Tagesordnung steht. In Hessen könnte dies innerhalb von einem Jahr gelingen, den ernsthaften politischen Willen vorausgesetzt.

5. Für die entscheidenden Fragen einer G8 –Reform stehen die Antworten noch aus (Vgl. den Beitrag G8/G9-Debatte (3) vom 16. Mai).

Im Kern geht es um einen pädagogischen Aufbruch, der kompetenzorientiert, d.h. schülerorientiert, ergebnisorientiert und prozessorientiert ist. Kompetenz ist – in griffiger Kurzform – der Dreiklang aus: Wollen + Können + Wissen. Dies gilt nicht nur für Schülerinnen und Schüler.

In einer Sache können die Schüler und Eltern etwas aufatmen: „In der Grund- und Mittelstufe dürfen von einem Tag mit Unterricht nach 14.00 Uhr zu einem nächsten Tag mit Vormittagsunterricht keine Hausaufgaben erteilt werden. Dies gilt auch von Freitag auf Montag, wenn am Freitag Unterricht nach 14.00 Uhr stattfindet.“

Kategorien: Abitur · Bildung · Gesamtschule · Gymnasium · Unterricht

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