Der Bildungswirt

Bildung Schule Kultur Wirtschaft

Der Bildungswirt header image 1

Skandal: Landesabitur verkauft

4. Juni 2008 · von Miller · 5 Kommentare Artikel drucken Artikel drucken

Gaffiti-von-Helge-Bomber-Steinmann

Das Abitur 2008 ist so gut wie gelaufen, alle schriftlichen Prüfungen korrigiert und die letzten mündlichen Prüfungen und Präsentationen werden von den Schülerinnen und Schülern überstanden. In gut einer Woche halten sie stolz ihre Hochschulreife in den Händen. Partytime. Raus aus der Anstalt. Neuland.

Wichtige Fragen für die nächsten Abituranwärter der Klasse 12 und die Eltern bleiben offen:
Was passiert mit den schriftlichen Prüfungsaufgaben?
Werden sie zeitnah und kostenfrei im Internet veröffentlicht?
Oder werden sie klammheimlich vom Ministerium verkauft wie 2007?
Wo werden die besten Präsentationen als lehrreiches Anschauungsmaterial kostenfrei veröffentlicht?

Das erste landesweit einheitliche Abitur wurde in Hessen im Frühjahr 2007 (1. Bildungsweg) und im Herbst 2007 (2. Bildungsweg) eingeführt. Damit verbunden war die Abschaffung des bisher üblichen dezentralen schriftlichen Abiturs an jeder Einzelschule, von jedem Fachlehrer in seinem Kurs. Als breit angelegte Information wurden deshalb vom Kultusministerium frühzeitig Hintergründe der Entscheidung und Musteraufgaben aus allen Fächern im Internet (hessischer Bildungsserver) dokumentiert. Als Service konnten Schüler, Lehrer, Eltern die Aufgaben kostenfrei downloaden. So sollte Vertrauen und Transparenz geschaffen werden; insgesamt eine durchdachte Strategie. Geworben wurde mit dem Slogan:

„Hessen fördert so die Vergleichbarkeit und Verlässlichkeit des Abschlusses und wertet diesen für seine Schülerinnen und Schüler auf.“

Leisten wir uns einen kurzen Rückblick:

Eine Nacht- und Nebelaktion aus dem Hessischen Kultusministerium: Alle bisherigen Abituraufgaben wurden ohne stichhaltige Begründung aus dem Internet genommen. Selbst sonst gut informierte Kreis im HKM waren von der Aktion überrascht. Gleichzeitig wurden die Prüfungsaufgaben an den Stark-Verlag verkauft. Preis unbekannt! Aus der Sicht des Stark-Verlags ein gutes Geschäft, vor allem dann, wenn bei fest kalkulierbarer Nachfrage (die nächste Abigeneration klopft schon an) gezielte Angebote unterbreitet werden können.

Der Landesschülersprecher Kaweh Mansoori kommentierte den Skandal so: „Es kann nicht sein, dass eine Kommission aus Lehrern auf Kosten des Steuerzahlers Prüfungs- und Übungsaufgaben erstellt, die das Kultusministerium dann an einen Verlag verscherbelt und die wir uns für viel Geld zurückkaufen müssen“.
Die Pressesprecherin des HKM wies den Vorwurf zurück und meinte, dass keine kommerziellen Interessen im Spiel seien, sondern dass dies aus Gründen des Copyright notwendig wäre. „Wir als Kultusministerium können das für den Fall einer Veröffentlichung nicht im einzelnen prüfen“.

Soweit ich sehe, hat nur Peter Hanack in einem kurzen Beitrag in der Frankfurter Rundschau vom 11.März 2008 die delikate Sache zur Sprache gebracht. (Bis Anfang Mai war diese Beitrag im Netz kostenfrei vorhanden, jetzt nur noch im kostenpflichtigen Archiv ). Andere Medien schliefen oder es schien ihnen keiner Recherche wert.

Kalkulieren wir in einer ersten Überschlagsrechnung die Kosten, die aus öffentlichen Steuermitteln in das Abitur investiert werden. In Hessen sind für das Abitur (Gymnasium, berufliches Gymnasium, Gesamtschule mit Oberstufe, 2.Bildungsweg) ca. 50 Kommissionen eingerichtet, die für die einzelnen Fächer schriftliche Prüfungen erstellen. Nehmen wir an, dass jede Kommission aus nur 5 Mitgliedern besteht und 2 Stunden Entlastung pro Mitglied erhält, so ergibt sich daraus: 50 x 5 x 2 = 500 Entlastungsstunden. Jede Entlastungsstunde kostet ca. 4000.-Euro im Jahr. Daraus folgt: 4000 x 500 = 2 Millionen Euro pro Jahr.
Dazu kommen mehrere Beamte in der Bildungsverwaltung (HKM und SSA), sagen wir nochmal 500.000.-Euro (Weitere Kosten für Tagungen, Fahrtkosten, Materialen, HZD etc. lasse ich hierbei noch unberücksichtigt). Eine angemessene Investition für ein gutes Landesabitur, aber kein Grund dieses dann an privat zu verkaufen, im Gegenteil. Service und kostenfreie Downloads für die jungen Bürger wären das Gebot der Stunde.

Warum soll also diese 2,5 Millionen- Investition überhaupt verkauft werden?

Angeblich großes Copyright-Problem. Ein schnell zu lösendes Problem, z.B. Deutsch: Für die Klassikern gibt es kein Copyright, die Aufgaben wurden durch die Kommission entwickelt, wo bitte ist das Problem? Nächstes Scheinproblem: Aktuelle Tagespresse – i.d.R. kostenfrei, wenn die Quelle genannt wird. Kosten für Texte und Bilder liegen im Peanutsbereich. Aufgaben in Mathematik- gibt es fast nie ein Copyrightproblem.
Die Zuständigen im Ministerium wissen offensichtlich nicht, wovon sie reden. Wer will, der findet Wege, wer nicht will, der findet Gründe oder hinterwäldlerische Begründungen.

Verantwortliche im HKM meinen des Weiteren, dass die veröffentlichten Beispielaufgaben und Prüfungsaufgaben des Vorjahres ohnehin nicht mehr den aktuellen prüfungsdidaktischen Schwerpunktsetzungen entsprechen würden. Wie bitte? Schon nach 1 bis 2 Jahren eine neue Didaktik und Prüfpraxis in 25 Fächern? Fehlanzeige. Reine Schutzbehauptungen ohne Substanz – man kann‘ s ja mal probieren.

Ja, es stimmt: Es gibt auf der HKM-Internetseite die Rubriken „Materialien“ und „Handreichungen“, sozusagen als Service für Schüler, Eltern und Lehrer. Bei Materialien bitte klicken – dann Griff ins Nirvana, nur nicht ganz so schön, nämlich gähnende Leere. Sog. Handreichungen gibt es nur für 15 % (!) der Fächer:Mathematik, Physik, Chemie und Biologie. Und diese sind auf der Ebene von Präzisierungen des Lehrplans, Formelsammlungen, Erklärung von Symboliken. Von Handreichung als illustrative Hilfen weit entfernt. Für alle anderen Fächer , darunter Schwergewichte wie Deutsch, Englisch, Politik und Wirtschaft- erneut ein Griff in die gähnende Leere, NADA!

Ja, es stimmt, das HKM verschickt nach Ende der Abiturprüfung die jeweils aktuellsten Aufgaben auf einer CD an alle Schulen (zumindest war das 2007 so). Mit der einen CD sei nach Meinung des Ministeriums der kostenfreie Zugang zu den Aufgaben sichergestellt. Mit Verlaub, das klingt verdammt nach ehemaliger DDR: Hallo, lange Schlange bilden, stundenlanges Anstehen, es gibt Bananen aus dem Westen.

Eine klare Forderung an den neuen Minister:

Für alle hessischen Schülerinnen und Schüler wird gewährleistet:
Kostenfreier Zugang zu allen zentralen Prüfungsaufgaben (mit Lösungshinweisen!) via Internet. Dies gilt für die gymnasiale Oberstufe genauso wie für den Haupt- und Realschulbereich.

Herr Banzer, korrigieren Sie diese dicken Fehler im HKM. Hessen als „Bildungsland Nr.1″ ist kein Kiosk, der Prüfungssonderangebote an privat verscherbelt. Schüler, Eltern und Lehrer werden Ihnen die notwendige Korrektur danken. Private Schulbuch-Verlage haben eine wichtige Begleit- und Unterstützungsfunktion für den täglichen Unterricht, nicht mehr und nicht weniger. Der hoheitsstaatliche Prüfungsakt und der kostenfreie Informationszugang mit Servicefunktionen zu diesem Ritual sollten davon für alle Bürgerinnen und Bürger unberührt bleiben.

Herr Banzer, in der G8/G9-Debatte hatten Sie mit Ihrem 11-Punkte-Programm schnell korrigierend agiert. In Punkt 9 geht es u.a. um die Versorgung der Schüler „mit aktuellen Lernmitteln“. In Klasse 12 und 13 gehören kostenfreie „abiturrelevante Prüfungsaufgaben“ selbstverständlich dazu. Dies könnte schnell auf den Weg gebracht werden.

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Blogger-Communitiy,
wenn ihr diese Forderung – Kostenfreier Zugang zu allen zentralen Prüfungsaufgaben (mit Lösungshinweisen!) via Internet – für sinnvoll erachtet, wendet euch direkt an den neuen Kultusminister Jürgen Banzer, die bildungspolitischen Sprecher der Landtagsfraktionen, die Lehrerverbände oder an die hessischen Elternvereine.

Mailt eure Meinungen und Einschätzungen!

Bildungspolitische Sprecherinnen und Sprecher:
Hans-Jürgen Irmer (CDU), Heike Habermann (SPD), Dorothea Henzler (FDP), Mathias Wagner (Die Grünen), Barbara Cárdenas (Die LINKE)

Hessischer Elternverein
, Elternbund Hessen , GEW Hessen , Verband Bildung und Erziehung ,

Sie können sich aber auch an die Presse oder den Hessischen Rundfunk wenden.

Frankfurter Rundschau, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurter Neue Presse

Graffiti von Helge „Bomber “ Steinmann

Kategorien: Abitur · Abitur verkauft · Allgemein · Berufsschule · Gesamtschule · Gymnasium · Unterricht · Wirtschaft

5 Antworten bis jetzt ↓

  • 1 H.Meyer // 5 Jun 2008 um 09:06

    Ich frage mich, warum Abiturprüfungen verkauft werden und warum greift die Politik hier nicht ein?
    Ist in Hessen die Staatskasse leer?

  • 2 F. J. Oderbruch // 5 Jun 2008 um 16:30

    Aber hier hat doch gerade „die Politik“ (oder es lässt sich fragen, wer-wen-da-kennt…) die Aufgaben verkauft!
    Schade, was dabei raus kommt – wenn für die Staatskasse Lösungen verkauft werden…

  • 3 Leo // 5 Jun 2008 um 20:21

    Skandal im Sperrbezirk!
    Wenn sie wenigstens einen guten Preis erzielt hätten, aber so …
    Das Copyright wiegt light, beim Verlag recherchiert das doch der Praktikant oder die Reinemachfrau von der Leihfirma.
    Wann kommt die CD für die Schulen?

  • 4 NachDenkSeiten - Die kritische Website » Hinweise des Tages // 27 Aug 2008 um 09:27

    […] Der Landesschülersprecher Kaweh Mansoori kommentierte den Skandal so: “Es kann nicht sein, dass eine Kommission aus Lehrern auf Kosten des Steuerzahlers Prüfungs- und Übungsaufgaben erstellt, die das Kultusministerium dann an einen Verlag verscherbelt und die wir uns für viel Geld zurückkaufen müssen”. Offenbar hat nur Peter Hanack in einem kurzen Beitrag in der Frankfurter Rundschau vom 11.März 2008 die delikate Sache zur Sprache gebracht. (Bis Anfang Mai war diese Beitrag im Netz kostenfrei vorhanden, jetzt nur noch im kostenpflichtigen Archiv). Andere Medien schliefen oder es schien ihnen keiner Recherche wert. Kultusminister Jürgen Banzer (CDU) schweigt bisher. Quelle1: Der Bildungswirt […]

  • 5 Beruf: Schulleitung - Das Fachmagazin für Schulleitungen in Deutschland // 27 Aug 2008 um 15:57

    Hessisches Landesabitur verkauft

    Eine Nacht- und Nebelaktion aus dem Hessischen Kultusministerium: Alle bisherigen Abituraufgaben wurden ohne stichhaltige Begründung aus dem Internet genommen. Gleichzeitig wurden die Prüfungsaufgaben an den Stark-Verlag verkauft. Preis unbekannt.

    Kultusminister Jürgen Banzer (CDU) schweigt bisher.

    Quelle 1: Der Bildungswirt

Hinterlasse ein Kommentar