Der Bildungswirt

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Einträge vom Juni 2008

Aus der Tiefe des Erkenntnis-Raums (1)

30. Juni 2008 · von Miller · Keine Kommentare

Aus der Tiefe des Erkenntnis-Raums (1)

Die Bundeskanzlerin nimmt uns mit und öffnet uns die Fußballaugen:

" Wir müssen allen einen Einstieg ermöglichen und einen Aufstieg erleichtern. Das zu schaffen, das hat unser Land nach 1948 stark gemacht. Das brauchen wir genauso für die Zukunft. Das belebt unser Land. Das ist gerecht. Und das klappt vielleicht schon öfter als wir denken.
Ich lese Ihnen mal ein paar Namen von sehr erfolgreichen Mitbürgern vor: Mario Gomez, Oliver Neuville, Miroslav Klose, Kevin Kuranyi, Lukas Podolski. Das ist der deutsche Sturm bei der Fußball-Europameisterschaft. Diese Landsleute zeigen, welche Leistungsbereitschaft in uns und auch in den Menschen steckt, deren Wurzeln über Deutschland hinausreichen. – Es ist mir übrigens aufgefallen, dass es in der Abwehr kaum oder gar keine Migranten gibt. Das soll in diesen Tagen einmal entschuldigt sein. Unsere Abwehr ist auch der einzige Teil der Gesellschaft, den wir uns ohne Durchlässigkeit vorstellen können." (…)
(Rede von Bundeskanzlerin Merkel auf der Festveranstaltung „60 Jahre Soziale Marktwirtschaft“
Do, 12.06.2008, gehalten in Berlin – Auszug)

Aufgeklärt erklimmen wir so den Bildungsgipfel …

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Bildungsgipfel – Humor ist, wenn man weiterklatscht

26. Juni 2008 · von Miller · 1 Kommentar

Bildungsgipfel – Humor ist, wenn man weiterklatscht

Der neue Bildungsbericht 2008 ist da. Eine Gesamtschau des deutschen Bildungswesens, vom Kindergarten bis zur Universität. Ca. 1,5 Millionen Lehrer, Hochschulmitarbeiter und Erzieherinnen unterrichten, fördern und betreuen 17 Millionen Menschen.

Der Bildungsbericht ist ein indikatorengestütztes Mammutwerk statistischer Belege, eine Fundgrube für bildungspolitische Argumentationen. Die Bundeskanzlerin will deshalb schon im Oktober einen nationalen "Bildungsgipfel" draufsetzen. Sie erklärt Bildung zur Chefsache, gleichwohl Sie gar nicht zuständig ist. Die Ministerpräsidenten der Länder haben die Hosen an.
Der Bildungswirt wird an der Sache dranbleiben, denn einige Wahrheiten, Lacher und Skurilitäten sind vorprogrammiert. Die Medien, insbesondere das Fernsehen und das Internet, werden sich überschlagen in Sensationsmeldungen.

Ja, was würde dazu Altmeister Erhardt sagen, nicht der Wirtschaftswunder Erhard, nein, natürlich der Komiker Heinz Erhardt. Er wäre heute der ideale Late-Night-Talker. Er war der Urvater der Lustigkeit. Eine Chronik des deutschen Spaßes. Ja, in der Wüste fließt ein Bildungsgipfel …

Axel Brüggmann führt ins Thema ein. Präludium der Bildung …

"Wir leben in einer diversifizierten Spaßgesellschaft

Nach Erfindung des Privatfernsehens sendet die Glotze Humor total: Linke Romantiker schalten die veralteten "Spotlights" von Didi Hallervorden ein, Fernseh-Junkies die Medien-Satiriker Kalkofe und Pastewka. Für Feingeister improvisiert sich Olli Dittrich durch die Nacht, die Proll-Fraktion zappt zu "Erkan und Stefan". Und der Rest der Nation setzt sich zu den ewig Gestrigen von RTL, zu "Sieben Tage – sieben Köpfe".

Undenkbar ohne Heinz Erhardt. Mit seinen musikalischen Gaga-Einlagen hat er das Kabarett von Helge Schneider und Götz Alsmann inspiriert. Robert Gernhardt und Herbert Feuerstein mit seinen sprachgewandten Versen: "Es soll manchen Dichter geben, der muss dichten, um zu leben. Ist das immer so? Mitnichten, manche leben, um zu dichten." Seine TV-Sendungen waren Vorstudien zu den Shows von Rudi Carrell und Jürgen von der Lippe. Erhardts Fernsehfilme inspirieren die brüchige deutsche Wohnzimmerseligkeit von Wolfgang Menge, Harald Juhnke und Didi Hallervorden. Und als Kino-Onkel war er Pionier für den Spaß-Film von Otto über Loriot bis zu Hape Kerkeling, Bully Herbig und Oliver Kalkofe, der gerade "Der Wixxer" in die Kinos bringt.

Für Kalkofe ist die Individualisierung des Witzes ein Fortschritt: "Zu gutem Humor gehören Witze, über die nur einige lachen können", sagt er, "aber die lachen dafür umso mehr." In einer diversifizierten Spaßgesellschaft schmunzeln wir uns also nicht mehr zusammen, sondern auseinander. (…)"

Die Bildungsrepublik Deutschland geht unbeirrt ihren Weg. Bildung, Bildung über alles (nachdem die EM am Montag schon Schnee von gestern sein wird).

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Stunde Null am Seine-Ufer

24. Juni 2008 · von Leo · Keine Kommentare

Stunde Null am Seine-Ufer

Einen lesenswerten Hilferuf widmet die Süddeutsche Zeitung dem Niedergang der deutschen Kneipenkultur in der französischen Hauptstadt Paris.

Voll innerer Anteilnahme beklagt der Autor die fortschreitende Zerrüttung des Pariser Nachtlebens vor dem Hintergrund immer neuer, massenweise auftretender libanesischer, nordafrikanischer, afghanischer, indischer und sogar russischer Gastronomen an der Seine.
Ausgerechnet! Wenn es wenigstens zivilisierte Völker wären …
Und gleichzeitig stürbe die deutsche Ess- und Trinkkultur aus. Würde doch nunmehr der letzte deutsche Wirt über den Rhein zurückgeworfen.
(In Malle und Co. wird trotz schwerer Verluste hingegen noch tapfer gekämpft!)
Auch der Vormarsch fremdländischer Plastik-Biere konnte nicht gestoppt werden: Pas de Bit? Wenn das nur wüsste le président.
Früher, vor 50 Jahren, „unter dem Schlagschatten des Krieges“ sei doch alles viel weniger schlimm gewesen. Genau.
Woher rührt also die jetzige Reinheitsphobie? Ist es das Wiedererstarken deutscher Fußballer, der Charme unserer Kanzlerin, die neue hessische Landtagsmehrheit oder das Umfragetief von Kurt Beck? Wir wissen es nicht, aber eines ist klar: Am deutschen Tresen will die Welt wohl nichts mehr genesen. Diese Welt hat keine Angst mehr von uns. Danke Frankreich, denn du bist Deutschland!

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Der Nervenkrimi von Wien – Fußballeuphorie

23. Juni 2008 · von Miller · Keine Kommentare

Der Nervenkrimi von Wien – Fußballeuphorie

Und das zweite Wunder von Basel oder Fußball als Feuerwerk der Metapher (4)

Ach, es metaphert so schön, gehoppelt durch den deutschen Fußball-Medienwald. Im Elfmeter-Krimi von Wien gehen die Azzuros mit hängenden Köpfen in die Untergrund, nehmen die gepackten Koffer und ab geht die Post, noch in der schwarzblauen Nacht, über die Alpen, heim zu Mama. Die jungen Iberer hatten den Fluch des ewigen Verlierers besiegt, das nationale Trauma aufgelöst und sich mit enthusiastischen Fans in den Siegesrausch gestürzt. Und von Klopp haben wir wieder einen neuen Klopper gelernt: "Es wurde taktisch gespielt, keiner wollte verlieren." Da wären wir ohne professionelle Hilfe nicht dahinter gestiegen. Danke an die spritzige Moderatoren-Nachlese mit Donau-Tiefgang.

Tags zuvor besiegte der Lieblingsholländer Hiddink mit russischen Allzwecküberfliegern die Holländer unter van Basten. Die russischen Draufgänger spielten wie von einem anderen Stern sagenhafte Kombinationshagel auf dem Platz der ewigen Wahrheit, die den hartgesottenen Oranje den Atem stocken ließ. Arschawin, die Zaubermaus, der Teufelskerl (oder doch besser ‚the one‘, der von den Erzengeln Geschickte) euphorisierte ganz Russland; selbst Putin kämpfte – nach offiziell bestätigten Kremlberichten – mit Freudentränen in sonst gestählten Geheimdienstaugen.

Und die Türken? Kehrten kurz vor Wien nicht um, sondern besiegten in letzter Minute die Kroaten. Der Trainer-Imperator Terim kennt nur noch Nationalhelden: Blut, Tränen, Stolz, Volk. Gut, dass auch für die Türken die Wahrheit auf dem grünen Rasen liegt und die Uhren in Istanbul immer wieder europäisch ticken.

Für die deutschen Boulevard-Rampensäue steht heute schon fest: "Mittwoch weinen alle Türken." Dazu meint die deutsche Selbstzuschreibung der Abwehr: " Wir sind elf Maschinen, die nicht totzukriegen sind." Gut, dass es genügend schiefe Metaphern gibt, so findet jeder Blinde sein Korn. Und wieder dagegen meint der politische Obervorturner der Türkei zu seinen Nationalhelden: "Heilige Schweißperlen, die geküsst werden müssen." Die Türken bleiben unberechenbar und das nächste Spiel … ja, wir wissen es!

Am Mittwoch: Deutschland – Türkei; wird schwer, aber die Jogi-Mannen gewinnen.
Am Donnerstag: Spanien – Russland; wird spannend, aber die Hiddink-Zauberjungs gewinnen.

Am Sonntag: Deutschland – Russland; am Brandenburger Tor tobt der Bär wie überall in Deutschland!

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Wo ist der Gartenzaun im Netz?

21. Juni 2008 · von frankmackay · Keine Kommentare

Wo ist der Gartenzaun im Netz?

Erstellt mit http://wordle.net/createQuelle: Text von Readers-Edition und Schlagwortwolke von wordle.net 

Gezieltes Verleumden von Personen oder Personengruppen in StudiVZ oder weiteren sozialen Netzen, wie hier  beschrieben, stellt noch mal eine gute Zusammentragung von der Nutzung von Web 2.0 und dessen Spielarten, auch der Verletzung einer Person bis hin zu einem „Berufsverbot“, wegen Verstoßes gegen gesellschaftliche Konventionen dar.
Aber wenn es um die Auswirkungen geht, dann kann es nicht darum gehen Web-Sheriffs im Netz zu etablieren, die „böses“ Material herausfiltern. Nach meiner Auffassung gibt es im allgemeinen, zugänglichen und öffentlichen Raum des Internets auch eine anerkannte Privatheit. Als Beispiel dazu: Ein Haus mit einem Garten, ohne Zaun – hier kann der Hausbesitzer davon ausgehen, dass es für Fremde eine Grenze gibt, die im allgemeinen akzeptiert wird. Diese Akzeptanz erwächst auch(!) aus dem Desinteresse heraus, überhaupt gar keine Vorstellung zu haben, was mit dem fremden Garten oder Haus an zu fangen sei. Wenn nicht mit Mitteln der Werbung – vereinfacht gesehen –  geworben wird, klar – das wirkt anziehend. Diese „Gartengrenzen“ des Netzes sind sicher fließender, aber sie sind gegeben. Zum anderen, warum werden Gruppen und deren Geschwätz in Foren oder sozialen Netzen zu nächst nicht als Stammtisch oder Pausenhofgespräch abgetan betrachtet? Die Macht des Schriftwortes ist größer, klar. Aber verändert sich mit Web 2.0 und dessen Möglichkeiten nicht das Verhältnis zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit? Kommt es nun zu einer oberflächlichen Schriftlichkeit?

Beleidigen, Beschimpfen und Mobbing und dazu noch der Klau von der eigenen Identität, dann hilft vielleicht eine Open-ID, mehr dazu im Videopodcast der Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen im Gespräch mit dem Datenexperten Ralf Bendrath:


 

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Fußball – Feuerwerk der Metapher (3)

20. Juni 2008 · von Miller · 1 Kommentar

Fußball – Feuerwerk der Metapher (3)

Deutschland – Portugal. Das Wunder von Basel. Durch Teamgeist herbeigekickt, Schweini, Klosi und Balli haben gnadenlos zugeschlagen, dem strömenden Regen getrotzt und den haushochen Favoriten mit dem System Löw entzaubert. Trainer Scolari meinte trocken: „Deutschland ist Deutschland“!(während Jogi in der Verbannung hinter der Glasscheibe seine Emotionen sortierte). Und das alles nicht mit Rumpelfußball, sondern durch eine Leistungsexplosion hin zu einem modernen, schnellen und dynamisch-kämpferischen Spiel. Kaiser Franz hat den Nervenkrimi für uns Fans in seiner unnachahmlichen Weisheit zusammengefasst: „Ein tolles Spiel, es ging rauf und runter.“ „Alle waren gelaufen, das war unglaublich, naja beim Ballack-Tor ist „a bißerl geschupst worden.“ Alles im grünen Bereich und „es hätte auch ins Auge gehen können.“ So kennen wir unseren Kaiser. Und Poldi verbreitet beim Interview danach immer diese heitere Gelassenheit: „Super gespielt, supppper gespielt, Wade oder Muskel gezerrt, Wade hat gehalten.“ Auf die Nachfrage zum Halbfinale meint unser Bub: „Jetzt schon über das Halbfinale zu reden ist zu früh.“ Nehmen wir’s gelassen, einer seiner Kumpels wird ihm schon erklären, dass er bereits im Halbfinale angekommen ist.

Schon längst vergessen ist das Österreichspiel, wie Deutschland zitterte und dann geschah es doch: Ballack erlöste Deutschland in der Nervenschlacht von Wien; auch die heilige Johanna von Cordoba konnte das Blatt nicht wenden. Die österreichische Alpenkatze sprang und landete geschlagen auf dem Platz der Wahrheit.

Der nächste Gegner ist immer der schwierigste, egal, ob Kroatien oder Türkei. Die Räume im Mittelfeld werden zugestellt und super, super, super nach vorne gespielt. Das Ziel heißt Endspiel: Deutschland – Holland.

Der Bierabsatz steigt, Deutschland in Hochstimmung, selbstverständlich auch in unserer Kneipe: granatenmäßig, bombastisch, gut!

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Die Crux mit den Bildungsstandards (1)

18. Juni 2008 · von Miller · Keine Kommentare

Die Crux mit den Bildungsstandards (1)

Bildungsstandards sind in aller Munde. Sie gelten als Fixsterne für eine neue Schulpolitik; weg von den alten Lehrplänen und der sog. Inputsteuerung, hin zu neuen Bildungsstandards und der sog. Outputsteuerung. In fast jeder Rede von Bildungspolitikern, aber auch in Broschüren der Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften, tauchen sie auf.

Bildungsstandards werden als flexible Voodooformeln gehandelt , die etwas Gutes zu signalisieren scheinen und mit nahezu beliebigen Zielen und Inhalten gefüllt werden können. „Bildung“ & „Standard“ haben positive Konnotationen (fast jeder bekennt sich zum humanistischen Erbe der Menschen-Bildung und will dafür gültige Standards, so, wie wir auch im Gesundheitswesen z.B. „Qualitätsstandards“ erwarten oder im Hotelgewerbe). Bildungsstandards sollen den Unterricht qualitativ verbessern, d.h. Schüler sollen, im Niveau aufsteigend, vielfältige Kompetenzen entwickeln. Interessant und angestrebt ist das tatsächliche Können (pragmatischer Output) des Lernenden zu einem bestimmten Zeitpunkt und weniger das nur passive abfragbare Wissen. Insofern sind Bildungsstandards im Kern Leistungsstandards und Kompetenzstandards.

Bildungsstandards dienen als diagnostische Bezugsgröße für individuellen Förderbedarf und sind Referenzsystem zur Vergleichbarkeit von Leistungen der Schulen, des jeweiligen Lernstandes und der entsprechenden Abschlüsse. Wenn zu den Bildungsstandards noch die Megaformel „neue Lernkulturen“ hinzu kommt (dreifach positive Konnotation: „neu“, “Kultur“, “lernen“), sind sie als Allzweckwaffe kaum noch zu schlagen. Hieraus erklärt sich ihr Beliebtheitswert.

Verdeutlichen wir uns die Entwicklung der letzten 10 Jahre:

In den 90er Jahren taucht verstärkt der Begriff des Standards im Bildungsbereich auf (das ist aber eher etwas für historische Feinschmecker)

PISA 2000 verursacht in Deutschland ein mittleres Erdbeben (so gut, wie wir uns bisher eingebildet hatten, waren die Vergleichdaten eben nicht. Deutschland spielte in der 2. Liga, da half auch beschwichtigende Rhetorik nichts mehr. Der Ruf nach Bildungsstandards, Tests und Evaluation wird unüberhörbar: Jetzt müsse endlich gehandelt werden, jawohl, und zwar sofort, so der Tenor.)

2003 erscheint die Klieme-Expertise „Zur Entwicklung nationaler Bildungsstandards“ (Frohlocken, ein großer analytischer Wurf der deutschen Bildungsexperten mit eindeutigen Forderungen, z.B. nach Mindeststandards in der Schule und nach mehr Bildungsgerechtigkeit. Die KMK bedankt sich und beschließt gleichzeitig einen anderen Kurs. Applaus für die Wissenschaftler und die Zusage, auch weiterhin Gutachteraufträge zu erhalten. Wohlfeiles Verhalten versteht sich von selbst.)

2003/2004 erscheinen die ersten Bildungsstandards für den Mittleren Bildungsabschluss für die Fächer Deutsch, Mathematik und Englisch (weitgehend unabhängig von Klieme & Co. werden von der KMK in hektischer Betriebsamkeit Bildungsstandards für die Mittelstufe (ergänzend in Biologie, Physik und Chemie, und später auch für die Haupt- und Grundschule vorgelegt).

2004/5 bzw. 2006/7 werden die Bildungsstandards von einzelnen Bundesländern zum Schuljahresbeginn verbindlich eingeführt. Viel Papier und wenig praktische Relevanz, so könnte man die Wirkung an den Schulen zusammenfassen.
(Von einigen positiven Veränderungen abgesehen, handelt es sich weitgehend um umgeschminkte Lehrpläne in neuem Sprachduktus. Bis 2008 wollen alle Bundesländer die KMK-Vorgaben in länderspezifische Varianten umgeformt haben, möglicherweise mit sog. Kerncurricula unterfüttern. Von einem tatsächlichen pädagogischen Neuaufbruch durch Bildungsstandards kann derzeit nicht ernsthaft gesprochen werden, weitgehend handelt es sich um Selbstbeschäftigungstherapien einer aufgeblähten, ineffizienten Bildungsverwaltung.)

2007 : Die KMK beschließt ergänzend die Entwicklung von Bildungsstandards für die gymnasiale Oberstufe „nach Möglichkeit bis 2010/2011“. (von 2003 bis 2007 glaubte man ohne Bildungsstandards auszukommen. Man habe ja die Einheitlichen Prüfungsanforderungen für die Abiturprüfung (EPAs, plus die entsprechenden FAPAs der Länder), damit sei alles geregelt. Das Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) in Berlin solle auf der Grundlage der EPA und der Berücksichtigung der Konstruktionsprinzipien der Bildungsstandards in der Mittelstufe eine Vorlage entwickeln. Bundeskommissionen werden berufen, keine eigenen Konturen in den Ländern, trotz ständiger Betonung des Förderalismusprinzips. Auch Hessen als "Bildungsland Nr.1" leistet sich keine vorwärts treibenden, eigenen Lösungen).

2008-2010/11 , warten auf das IQB Berlin? Weitgehender Konsens besteht darin, dass gravierende Schulreformen und Bildungsstandards auf allen Schulstufen notwendig seien. (Das gegliederte deutsche Schulsystem und seine Leistungsfähigkeit geraten zunehmend in die Kritik. Hauptschulen auflösen, kooperative Verbundschulen und Gesamtschulen stärken, Gynmnasien verändern– hier bricht der Konsens schon zusammen. Eine Bildungsstandard-Debatte sollte aber diese Begleitmusik mithören).

Für das Gymnasium heißt das auch Schulzeitverkürzung mit einer kontroversen G8/G9 –Debatte. Lehrplankürzungen als Übergangslösung sind weitgehend konsensual durchsetzbar und dann: zügige Einführung von Bildungsstandards für alle Fächer, auch in der gymnasialen Oberstufe. Die Konsequenzen (u.a. Zeitplanung, Finanzierung, Didaktik, Fortbildung) sind bisher wenig bedacht worden. Damit verbunden geht es um die Realisierung eines modernen kompetenzorientierten Unterrichts. Will man aber gleichzeitig den einzelnen Schüler „fördern und fordern“ und "keiner soll abgehängt werden"( wird auf jedem Symposium von Bildungspolitikern und Wissenschaftlern betont), kommt man mit Allerweltsreden nicht weiter. In der Frage der Operationalisierung trennt sich die Spreu vom Weizen.
Der übergeordnete Referenzpunkt im Abstraktionsnebel ist schnell die Sicherung der internationalen Konkurrenzfähigkeit Deutschlands in der globalisierten Welt und – fast hätte ich es vergessen – die Stärkung der Persönlichkeit (was auch immer das sein soll): Bildung ist wichtiger Standortfaktor, Voraussetzung für Wachstum und Wohlsstand.
Der Dissens lugt wieder um jede Ecke, die Lobbygruppen positionieren sich, argumentative Scheuklappen sind schwer zu entfernen, bildungspolitische Hearings werden durchgeführt und Masterpläne geschmiedet.

Grundlegend bleibt die Frage wie Bildungsstandards, neuen Lernkulturen, Subjektorientierung und eine neue Prüfungsdidaktik in eine Gesamtschau eingebunden werden können. Auf der organisationspolitischen Ebene wird parallel und ergänzend das Konzept der "eigenverantwortlichen und selbstbestimmten Schule" diskutiert. Fast schon pathetisch könnte man ausrufen: „Operator – we need solutions.“
Weg von der Anstalt, hin zur lebendigen Schule, Abschied vom Lernvollzugsbeamten, hin zum Lernberater, Organisator und Arrangeur komplexer Lernsituationen. Weg von hausbackenen Prüfungen und Bulimielernen, hin zu einer modernen kompetenzorientierten Prüfungsdidaktik.

Fortsetzung folgt …

zum Kompetenzbegriff, zu neuen Lernkulturen und Operationalisierungsvorschlägen von Unterrichtsprinzipien, zu Bildungsstandards konkret für fachliche und überfachliche Kompetenzen, zur Notwendigkeit einer neuen Prüfungsdidaktik, zur Dimension von Web 2.0 und der innewohnenden Sprengkraft für die traditionelle Fächer-Ordnung der Schule.

 

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Erhellendes nebenbei gefunden (6)

18. Juni 2008 · von Miller · Keine Kommentare

Erhellendes nebenbei gefunden (6)

In einer sehr staubigen Ecke der Dunkelkammer hab‘ ich sie gefunden:
Die Kompetenzkompetenz, die VIELE leidenschaftlich als Standard anstreben.

Deshalb brauchen wir Leitfiguren, die Kompetenzkompetenzberatungskompetenz besitzen. Ein Meister dieser Klasse kann dann z.B. Sätze formulieren wie

Regelungen in Deutschland

„Dann hätte man für Deutschland eine Regelung, hätte keine regellose Regelung und die Länder, die … die das nicht regeln wollen, die ham ham dann die Bundesregierung und die Länder, die das … regeln wollen, können dann das für sich regeln.“

Als Übungsmaterial für Lehrlinge, Gesellen und Meisteranwärter eignet sich auch die berühmte „Hauptbahnhof-Rede“.

Bei jedem Kompetenzstreit im Zuständigkeitsgerangel gibt es dann immer wieder Leute, die meinen, dass wir einzig und allein die Inkompetenzbeseitigungskompetenz bräuchten.

( Der geniale Bayer Edmund Stoiber ist so ein Meister der Kompetenzkompetenz, eine Lichtgestalt der Wortakrobatik. Deshalb bringt er zurzeit auch seine Beratungskompetenz zum Bürokratieabbau in Brüssel ein.
Als Wortschöpfer der Inkompetenzbeseitigungskompetenz gilt wahrscheinlich der Philosoph Odo Marquard, ein Traditionsmodernist, schon in den 70er Jahren. Wahrscheinlich handelte es sich um einen philosophischen Beißreflex gegen die aufkommende Schwämme der Schlüsselqualifikations-Kompetenzen-Debatte, ausgelöst durch Dieter Mertens vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung Anfang der 70er Jahre.

Wer weiß mehr zum Thema in der Dunkelkammer?

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