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G8/G9 – eine schräge Debatte (4)

27. Mai 2008 · von Miller · 2 Kommentare Artikel drucken Artikel drucken

Bewegung im Spiel – Notreparatur vorerst abgeschlossen

„In mir ist in den letzten Wochen mehr und mehr die Erkenntnis gereift, dass wir uns seitens des Landes darauf beschränken sollten, den Schulen einen klaren Rahmen für G8 zu geben. Innerhalb dieses Rahmens sollten wir den Mut haben, loszulassen und somit den Schulen die Freiheit zu geben und das Vertrauen zu schenken, für sich als Schulgemeinde vor Ort in Wahrnehmung ihrer ganz unmittelbaren Verantwortung und Interessen eigene Entscheidungen treffen zu können“, erklärte Jürgen Banzer.

Na bitte, geht doch. Der neue Kultusminister ist als Krisenmanager schneller als alle bisher glaubten und bringt mit seinen 11-Punkte-Programm Bewegung ins Spiel. Jetzt sind die Schulen dran. Es wird sich in Kürze zeigen, ob das Drehen an verschiedenen schulischen „Stellschrauben“ für die Schüler einen positiven Effekt haben wird.

Bei Punkt 9 „Sonderprogramm für Schulbücher“ sollte nochmal gründlich nachgedacht werden. Wenn es um die „Ausstattung aller Schülerinnen und Schüler mit möglichst aktuellen Lernmitteln“ geht, dann ist die Fixierung auf Schulbuchverlage und „Bücherpools“ zu wenig. Bei einem Gesamtvolumen von 25 Mio. Euro sind neue kostenfreie Lernmittel über eine Internetplattform zu installieren. Der hessische Bildungsserver z.B. müßte generalüberholt und deutlich schülerfreundlicher gestaltet werden. Hier schlummern noch riesige, ungenutzte Potenziale. Die Zukunft liegt im Netz und nicht in Bücherpools.

Zu fragen wäre noch, warum Banzer ausgerechnet ein 11-Punkte-Programm entwickelt hat. Wahrscheinlich hatte er sich in ‚relaxed buddhistischer Dalai-Lama-Position‘ an den ollen Marx erinnert: auf die Zahl 11 kommt es an, vor allem auf die 11. These (zu Feuerbach):

„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“

Mit der Wahlmöglichkeit zwischen G8 und G9 im elften Punkt des Programms wird nicht nur verschieden interpretiert, sondern eine differente Praxis eingeleitet, die zuvor schon vom hessischen Landtag beschlossen wurde.

Die G8/G9-Schieflage ist damit noch lange nicht beendet. Die grundlegendere Debatte um notwendige Bildungsstandards und neue Lernkulturen hat erst begonnen.

Kategorien: Abitur · Bildung · Gesamtschule · Gymnasium · Unterricht

2 Antworten bis jetzt ↓

  • 1 Rainer Jung // 3 Jun 2008 um 19:05

    Um G 8 für Schüler erträglicher zu gestalten, sollen nun rasch während der Sommerferien die Lehrpläne „entrümpelt“ werden. Man darf gespannt sein, was dieser Schnellschuss ohne Konzept und ohne Gesamtstrategie unseren Kindern bescheren wird.
    Vielleicht wird in Chemie auf diese Säure oder jene Base verzichtet, fallen in Biologie die Unpaarhufer aus dem Tierbestand, streicht man in Englisch Australien aus der Gemeinschaft der englischsprachigen Länder? Verzichtet man in Mathematik künftig auf die Nullstellen oder die x-Achse? Verbannt man E.T.A. Hoffmann und Theodor Fontane aus der Deutsch-Leseliste und beschränkt sich nur noch auf Goethe und Schiller? Oder kippt man rasch die zukunftsweisende Einheit „Medienerziehung“ aus dem Lehrplan, weil unsere Kinder sowieso schon genug fernsehen und Computer spielen?
    Ohne ein Abkehr von den bestehenden (oft sehr stofflastigen) Lehrplänen und eine Neuorientierung an Basiskonzepten, an exemplarischem, fächerübergreifendem Arbeiten und prozessorientiertem bzw. strukturellem Wissen bleibt diese Unternehmung höchstwahrscheinlich Flickschusterei.

  • 2 Bildungswirt // 4 Jun 2008 um 15:08

    Flickschusterei hin oder her, zuerst müssen die Notreparaturen eingeleitet werden. So ist das mal in der Politik, da hat der Minister kurzfristig kein Wahl. Die Güte dieser Notreparaturen hat die Bildungsverwaltung zu verantworten. Im Spätsommer entscheidet sich allerdings, ob eine durchdachte Strategie mit zügigem Arbeitstempo eingeschlagen wird. Bildungsstandards und neue Lernkulturen sind ein wesentlicher Teil der Antworten auf die G8-Schulmisere. Zwangsleselisten, z.B. in Deutsch sind Schnee von vorgestern. Wir werden sehen …

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