Der Bildungswirt

Bildung Schule Kultur Wirtschaft

Der Bildungswirt header image 1

Gymnasium: G8/G9 – eine schräge Debatte (1)

4. Mai 2008 · von Miller · Keine Kommentare Artikel drucken Artikel drucken

Babygesicht

Quelle: Graffiti von Helge „Bomber“ Steinmann

Fast alles ist politisch längst entschieden: 14 der 16 Bundesländer haben seit 2001 sukzessive auf G8 umgestellt. Die beiden Schlusslichter Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz werden nächstes Jahr folgen. Für Thüringen und Sachsen war das nur eine amüsante Geisterdebatte: sie hatten immer nur 12 Jahre bis zum Abitur. (Nirgends ist bekannt, dass Thüringer und Sachsen schlechtere Leistungen bringen, im Gegenteil.) Europaweit ist 12 Jahre bis zum Abitur die Norm. Im Ausland wird unsere Debatte kaum verstanden.

Wozu der ganze Streit, der in allen Medien breitgewalzt wird, der gar Landtagswahlen entscheidet wie jüngst in Hessen? Welche Interessenslagen sind erkennbar, welche Lobbyisten sind am Werk? Wie könnte man aus diesem verminten Gelände tatsächlich eine blühende Schullandschaft schaffen? Wer räumt die Minen weg?

Verschaffen wir uns erst mal einen groben Überblick:


Gruppe 1:
Die Rationalisierer: Wir brauchen kürzere Bildungszeiten, eine europäische Normierung, eine Stärkung unserer internationalen Bildungs-Wettbewerbsfähigkeit Stichwort: Der Chinese schläft nicht. Die Mehrheit der Politiker und Unternehmerverbände sieht das so. Viele verstehen sich weniger als Rationalisierer sondern als Modernisierer. Strategie: Erst mal auf die Schnelle das sog. Turboabitur durchsetzen, bei Protest nachbessern, sich gesprächsbereit zeigen, Lehrpläne entrümpeln, an G8 unbedingt festhalten….


Gruppe 2:
Die Status-quo-Verteidiger: Eine 9-jährige Gymnasialzeit ist gut, das war schon immer so, wir stehen in einer großen Bildungstradition. Deutschland ist Deutschland, was interessiert uns Europa. Die Lehrerverbände müssen schon deshalb für 9 Jahre sein, da es auch um die Bestandssicherung von Arbeitsplätzen geht.
Strategie: Schlampereien der Hauruck-G8-Reform aufdecken, Verunsicherung bei Eltern schüren, stellvertretend für Eltern und Schüler agieren, Entrümpelungsdiskussion der Lehrpläne stoppen, die gymnasiale Allgemeinbildung festrednerisch loben….


Gruppe 3:
Wie Gruppe 2, allerdings ohne taktische Lobbyistenargumente, eben aufrichtig humanistisch geprägt, um das Wohl der Kinder besorgt. Forderung: „Hände weg von unserer Kindheit!“. Strategie: keine….


Gruppe 4:
Wie Gruppe 2, aber letztlich kompromissbereit. Handwerkliche Fehler von G8 beheben, einige Privilegien verteidigen, auch die Wahlfreiheit G8 oder G9 zulassen. Die Schulen soll per Antrag entscheiden können.
Strategie: Verunsicherung innerhalb der Gruppe 1 ausnutzen und sie zu Zugeständnissen zwingen. Entrümpelungsdiskussionen zur Stoffülle führen, aber immer auf Zeitgewinn spielen, neue Kommissionen einsetzen….


Gruppe 5:
Heerschar der Gutachter-Wissenschafter. Sie finden wir in allen Lagern als ausgewiesene Sachverständige, die die jeweilige Gruppenmeinung empirisch, historisch, wissenschaftstheoretisch, pädagogisch, psychologisch medienwirksam zur Geltung bringen will.
Strategie: Angesichts der komplexen Gemengenlage im Geschäft bleiben, neue Gutachten, neue Forschungsaufträge und bildungspolitische Beraterverträge. Ohne wissenschaftliche Legitimation läuft gar nichts mehr.


Gruppe 6:
Journalisten, Medienvertreter: Ähnlich wie Gruppe 5. Dabei sein ist alles. Strategie: Auflagen/ Quoten steigern, zuspitzen und gleichzeitig wieder weichspülen, Klientel bedienen, Stimmungen beeinflussen. Zwischendurch erkennbar aufklärerischer Habitus.


Gruppe 7:
Schüler, Eltern und Lehrer ohne Verbandsorganisation und dadurch mit scheinbar geringem politischen Gewicht. Vorstechendes Merkmal: Verunsicherung, Äußerung subjektiver Betroffenheit, die gern von allen Gruppen instrumentalisiert wird. In den Medien tauchen sie auf in Form von Kurzbefragungen in Reportagen oder Leserbriefen. In ihrer Suche nach klarer Orientierung entdecken sie das verminte Gelände. Angst hat vor allem Gruppe 1, wenn die „Betroffenen“ in der Rolle des mündigen Bürgers wählen gehen. Dem Volk ist eben zunehmend weniger zu trauen. Wie stimmen die Unentschlossenen am Tag X ab?
Strategie: keine; mal Lust, mal Frust, mal Wechselwähler.


Gruppe 8:
Die Surfer durch alle Lager und Gruppen, wechseln schnell das Hemd, werden auch als Wendehälse bezeichnet, über Nacht sind sie immer klüger geworden …
Strategie: Vorn dabei sein, flexibel, mobil, dynamisch, zahlt sich aus. Manchmal kreieren sie tatsächlich auch mal eine gute Lösung.

Ja, ich weiß. Selbstverständlich werden die professionellen Kritiker aus den betroffenen Lagern einwenden: Alles ist viel komplizierter, das müßte man differenzierter sehen und zuerst in den vielen hochrangigen Expertenkommissionen und Verbandsgremien weiter diskutieren. Genau deshalb will ich einige Thesen mit in die Debatte einbringen:

  1. Man kann in der Schule unabhängig von G8 und G9 viel Unsinn und totes Wissen „lernen“; dann doch lieber G8. Der Zeitverschwendung für Schüler wird verkürzt.

  2. Die Diskussion um das 265 Wochenstunden Pflichtminimum der Kultusministerkonferenz ist pure Ideologie. Es ist die alte Inputsteuerung. Man setzt willkürlich ein Quantum an Stunden fest und glaubt an den Umschlag in Qualität. Ein Aberglaube, der spätestens seit den schlechten PISA-Ergebnissen beerdigt werden sollte. Entscheidend ist der Output, das, was Schüler wirklich können. Das setzt vor allem neugiergeladene Lernatmosphären voraus.

  3. Die Entrümpelung-Diskussion der alten Lehrpläne lenkt vom eigentlichen Thema ab. Im schulischen Alltag haben Lehrpläne noch nie eine große Rolle gespielt. Vorschlag: Lehrpläne entsorgen („Entsorgt die Lehrpläne!“ Süddeutsche Zeitung vom 7.4.2008) und an ihre Stelle zügig knappe, verständliche Bildungsstandards setzen.

  4. Knappe, outputorientierte Bildungsstandards (3 bis 5 Seiten pro Fach) haben nur dann Relevanz, wenn sie durch Arbeits- und Neugierpläne der Einzelschulen konkretisiert werden. Dazu brauchen die Schulen Freiheiten und solide Finanzierung. Ein Schulministerium sollte sich bei Konkretisierungen raushalten; es besteht die Gefahr der Verschlimmbesserung.

  5. Ohne die gezielte Förderung von neuen Lernkulturen, d.h. auch die Abschaffung der alten Instruktionspädagogik, wird es keinen nennenswerten Lernfortschritt bei Schülerinnen und Schülern geben. Die G8/G9-Debatte ist weitgehend zeitlich und organisatorisch verkürzt.

  6. Die Qualität der Abiturprüfungen muss selbst auf den Prüfstand. Entspricht die praktizierte Prüfungsdidaktik tatsächlich einem modernen kompetenzorientierten Unterricht?

  7. Die Lobbyisten können das Problem nicht lösen. Neue Mitspieler sollten auf die Bühne, um zuerst alte Minen abzuräumen.

Konkretisieren wir das Problem am Beispiel Hessens. Roland Kochs Problemfrau von der Tankstelle ist nach dem CDU-Wahldebakel abgetreten, das macht die Sache etwas einfacher. Sie hat viele Reformen an den Schulen losgetreten (durchaus mit ehernen Motiven, z.B. „Verlässliche Schule“), aber nicht professionell zu Ende gedacht. Die G8-Debatte wurde in ihrer Sprengkraft völlig unterschätzt. Mitschuld trifft eine Kultusbürokratie, die die ehemalige Ministerin mangelhaft beraten und handwerkliche Fehler nicht gesehen hatte. Was macht in dieser Situation die geschäftsführende Regierung Koch nach der Hessenwahl? Welche Konsequenzen zieht sie? Roland Koch präsentiert Jürgen Banzer (CDU) als Doppelminister Justiz und Kultus. Der gewiefte ehemalige Landrat macht auf dem neuen Parkett eine gute Figur, er zeigt sich „gesprächsbereit, pragmatisch, offen“. „Vor Ideologie wird allseits gewarnt“, kooperative Gesamtschulen in Hessen sollen G8 oder G9 frei wählen können. Die hessische CDU will eine „neue Beweglichkeit“ . Die Bildungsexpertin der FAZ, Jacqueline Vogt kommentiert dazu, dass „Ruhe das Gebot der Stunde wäre“ und stellt gleichzeitig fest, das „mit einem großen Wurf ein anderes Schulsystem zu installieren noch bei niemanden auf der Agenda steht“. Ihre Ruhe-Empfehlung hat einige Berechtigung bezogen auf die dilletantischen Rohrkrepiererreformen. Sie ist deplaziert angesichts des tatsächlichen Reformstaus an den Schulen. Produktive Unruhe wäre das Gebot der Stunde. Der große Wurf der Schulreform sollte gewagt werden, mehr wegweisende Leuchtturmprojekte der Pädagogik vor Ort und eine neue Abitur-Prüfungsdidaktik wären ein erster Schritt.

Kategorien: Abitur · Allgemein · Berufsschule · Bildung · Gesamtschule · Gymnasium · Unterricht

0 Antworten bis jetzt ↓

  • Es gibt keine Kommentare bis jetzt...

Hinterlasse ein Kommentar