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Landesabitur-Vorbereitung: „Wünsche euch allen dann viel Glück, wenn ihr zentral mit mir leidet“

2. Februar 2010 · von tango · Dein Kommentar, hier... Artikel drucken Artikel drucken

Oder: Kann man ein schriftliches Landesabitur im Fach Deutsch sinnvoll vorbereiten?

Chaos, Orientierungslosigkeit, Fremdbestimmung sind drei Größen, die bei der bisherigen Vorbereitung auf das Landesabitur in Deutsch eine herausgehobene Rolle spielten. Dies kann man an einem „Hilferuf“ aus dem Netz und den entsprechenden „Ratschlägen“ aus den Niederungen des Schulalltags recht gut nachvollziehen. Die Netz gestützten „Abi-Vorbereitungs-Tipps lassen sich unter www.deutschboard.de/topic,2954,-abivorbereitung-deutsch-gk,-hessen.html im dortigen Forum im Original abrufen. Auch wenn man bei vielem, was dort prüfungsgeplagte Oberstufenschüler schreiben, schmunzeln muss, spiegelt sich darin mangelhaftes Coaching durch ihre Lehrer sowie mangelnde Transparenz und fehlender Support durch Ministerium und Schulverwaltung wider. Im Folgenden möchte ich einige aussagekräftige Beiträge punktuell kommentiert vorstellen und daran exemplarisch verdeutlichen, woran das derzeitige zentrale Prüfungswesen krankt und welche „zentralen“ Alternativen es gäbe.

Aber schauen wir uns in einem Rückblick den durchaus lobenswerten Versuch eines Schülers an, aus den Fachnebeln aufzutauchen und hilfreiche Tipps für eine sinnvolle Vorbereitung auf das zentrale Deutsch-Abitur zu bekommen. Am 08.01.2008 wird der Reigen mit einem Hilferuf von babelfish eröffnet:

Im März stehen ja bei uns in Hessen die schriftlichen Abiklausuren an…
Ich habe Deutsch als drittes Prüfungsfach gewählt und wollte jetzt mal hören, ob es hier noch andere “Leidensgenossen” gibt!
Wie bereitet ihr euch auf die Prüfung vor?
Was lernt ihr über die einzelnen Werke, die im Unterricht behandelt wurden?
Ich finde eine zentral gestellte Aufgabe im Fach Deutsch irgendwie besonders schwierig, weil ich mir vorstellen kann, das gerade bei den ganzen Büchern, die man ja besprechen soll, sehr unterschiedliche Schwerpunkte gewählt werden. Und der Lehrplan ist dabei ja auch nicht gerade eine besonders große Hilfe…
Ich freu mich über eure Meinungen/Erfahrungen!

Schon in der ersten Antwort wird pädagogische Hilflosigkeit kolportiert, wenn der hilfsbereite Barium bedauernd feststellt:

Unser Deutschlehrer hat den gesamten Deutsch-GK (wird sind ungefähr 25 Leute) dazu überredet, Deutsch mündlich zu machen (ja, es klang am Ende recht bedrohlich, Deutsch schriftlich zu machen!)… Also kann ich dir leider nur sagen, wie ich mich auf mein Mündliches im Juni vorbereite.

Da stellt sich die Frage: Warum raten Lehrer von einer schriftlichen Prüfung ab? Ist sie auch für Lehrer zu wenig transparent und berechenbar? Gibt es zu wenig allgemein akzeptierte Qualitätskriterien, um Leistung (eventuell auch schulübergreifend) nachvollziehbar zu beurteilen? Oder hat man schlichtweg keine Lust zum Korrigieren?
Dann kommt eine sehr strukturierte, aber nicht immer effiziente Methode, um Breitenwirkung zu erzielen – nach dem Motto: Ich schieße breite Salven in die Luft und hoffe, dass der eine oder andere Vogel zu Boden geht:

Ich gehe deduktiv vor:
1.) Epochenwissen auffrischen
2.) Sekundärliteratur zum besprochenen Werk lesen
3.) Schulnotizen in meinem Heft zum Werk lesen (nicht immer empfehlenswert!)
4.) Primärliteratur – das Werk lesen (nochmals oder überhaupt einmal?)
5.) so viel und gleichzeitig so kurz wie möglich das Wichtigste notieren
Wenn ich das mit allen Epochen / Werken gemacht habe, kann ich mich auf Vergleichsaspekte konzentrieren (Epochenumbrüche, Epochenvergleiche, Personen vergleichen…). Dazu hol ich mir dann das rote Starkbuch “Abitur 2008 Deutsch” und schau mir einige Beispielaufgaben und Prüfungen an.

Schon ganz clever; doch stellt sich dann die Frage: Warum nicht gleich mit dem „Starkbuch Abitur 2008 Deutsch“ beginnen und sich den Rest schenken?
Aber hören wir gleich, was babelfish auf die Nachfrage, wie er sich vorbereite, antwortet:

Jaaa, wenn ich das so genau wüsste…
Im Moment arbeite ich meine Ordner von vorne bis hinten, bzw. die Zusammenfassungen, die ich mir für die Klausuren geschrieben hatte, durch und versuche eine Zusammenfassung zu schreiben. Nebenbei lese ich nochmal “Don Carlos” und danach “Der Sandmann” (weil das schon so lange her ist, als wir es behandelt haben und ich den Sandmann, glaub ich, auch nie ganz gelesen habe… ). Außerdem habe ich mir von Klett Abi-Wissen kompakt “Deutsch Literaturgeschichte/Epochen” gekauft, wo ich dann immer parallel etwas zu den Epochen nachlese.

Also auch hier: Orientierungslosigkeit im Prüfungsuniversum. Immerhin ereilt ihn dank prüfungsdidaktischer Unklarheit sein schlechtes Gewissen, denn er hat offensichtlich den „Sandmann“ nicht gelesen – oder kann sich wenigstens nicht dran erinnern. Das spricht nicht gerade für Nachhaltigkeit. Da scheint es offensichtlich keine Brücke zwischen dieser düsteren spätromantischen Erzählung und der Lebenswirklichkeit heutiger junger Menschen mehr zu geben, obwohl doch Illusion, Verblendung, Fremd- und Selbsttäuschung in ihrem Erfahrungsbereich eine Rolle spielen dürften. Aber es gibt vor dieser schaurigen Deutschprüfung offenbar kein Entrinnen:

Ich würde Deutsch auch lieber mündlich machen, aber da ich Chemie/Mathe als LKs gewählt habe, darf ich nicht mein Wunschfach Physik schriftlich machen, sondern musste mich zwischen Deutsch und Geschi entscheiden – Da war dann Deutsch das geringere Übel, was die schriftliche Prüfung angeht…

Welch schreckliches Licht wirft dies auf Deutsch – oder gar Geschichte. Da wird die scheinbare Berechenbarkeit der Naturwissenschaften (klare Themenabgrenzung, kleinschrittige Vorgehensweise, scheinobjektive Fachlogik ohne viel Bewertungsspielraum) sprach- und problemorientierter Mehrdeutigkeit vorgezogen. Hierzu passt auch die Dämonisierung der Deutschprüfung durch den Lehrer:

Was hat euch euer Lehrer denn Schauriges über die schriftliche Prüfung erzählt?

Darauf Barium, dessen Lehrer schon leidlich desillusioniert erscheint:

Unser Lehrer meinte, dass wir mündlich ein doch recht starker Kurs seien und blöd wären, schriftlich zu machen, da es überaus schwierig sei, ins Zweistellige zu kommen. Das hat er mit einem Beispiel untermalt: eine Klausur kam mit 14 Punkten in den Ringtausch und wurde nach Ringkorrektur mit 8 Punkten bewertet – tja!

Wie kann das sein? Hatte da einer die falsche Brille auf? Gab es keine verbindlichen und allgemein akzeptierten Qualitätskriterien? Oder wollte man nur einmal dem Kollegen zeigen, wo der Hammer hängt?
Statt auf eine individuell motivierte, zukunftsorientierte Aneignung von Tradition und Kultur zu setzen herrscht offenbar aller Orten Fremdbestimmung und Lehrplanzwang.

Am schwierigsten fällt mir irgendwie, zu entscheiden, was ich mir zu den Büchern aufschreibe… Da gibt es schließlich so viele Aspekte, die man behandeln könnte – welche sind die für’s Kultusministerium wichtigen?!

Dieser Satz ist verräterisch! Es ging und geht eben nicht darum, was für den Lerner wichtig – also „behaltenswert“ – ist, sondern eher herauszubekommen, was Deutschlehrer, Prüfer, Kultusministerium und andere Bildungskontrolleure in tiefgefrorenen Pädagogenmänteln von einem hören wollen.

Unsere Deutschwerke:
- Don Carlos, Der Sandmann, Woyzeck, Effi Briest, Faust I
Lass mich raten – bei dir auch?

Da braucht man wirklich nicht lange zu raten! Außer in der hessischen Erwachsenenbildung kommt bundesweit keine zentrale Deutschprüfung ohne eine verbindliche Leseliste aus, auf der sich die üblichen Verdächtigen finden, mal ausgetauscht, mal neu gemischt, mal von anderen Bundesländern abgekupfert.
Aber weiter geht’s, denn jetzt wird’s wieder konkret:

Ich arbeite aus den Büchern heraus:
- den Inhalt
- die Personen (+ Gefüge) und wofür sie stehen (Epochen, Tugenden etc.)
- Motive im Werk und wie sie verarbeitet sind (z. B. Wahnsinnsstationen im Sandmann oder wo überall das Augenmotiv vorkommt)
- Epochenmerkmale: wieso das Werk typisch für diese Epoche ist
- Schmückungswissen (!) zum Werk, zur Epoche und zum Autor (kommt laut Lehrer immer gut in der Prüfung ), z. B. wie das Werk aufgenommen wurde und heute wird.

Also, kurz, all das, was im kompakten Abi-Wissen bei einschlägigen Schulbuchverlagen zu den in Frage kommenden Werken schon gut aufbereitet und vorverdaut zur Verfügung steht – und keine selbständige Auseinandersetzung mit dem Werk mehr erfordert. Sehr gelungen ist auch der Ausdruck „Schmückungswissen“; klingt wie „unbedeutende, aber effektvolle Schaumschlägerei“. Egal wie das Produkt schmeckt, Hauptsache die Verpackung ist bunt und gefällt!

Vielleicht hilft aber auch ein bisschen Zocken: Z.B. alles auf die „Lyrik-Karte“ setzen!

Puuuuh, vielleicht spezialisier ich mich auch einfach auf Gedichte und hoffe darauf, dass auf jeden Fall Lyrik drankommt, bei der man kein Wissen über die Bücher braucht!
Aber im Ernst… Ich lese ja wirklich gerne, die meisten Bücher find ich auch wirklich interessant, ich mag sogar Don Carlos, aber Klausuren darüber zu schreiben finde ich trotzdem schrecklich.

… oder die „mathematische Vorbereitungsvariante“: Angewandte Wahrscheinlichkeitsrechnung, wie sie verdo empfiehlt:

Also mein Lehrer hat was gesagt, dass ein Teil der Bücher von den nächsten 13ern nicht mehr gelesen werden muss. Hab grad mal nachgeschaut und dabei das hier gefunden: http://lernarchiv.bildung.hessen.de/sek_ii/deutsch/abiturpruefung/index.html. D.h. Wir sind die letzten, die über Don Karlos und Effi Briest schreiben können. Und da die beiden letztes Jahr nicht dran waren, könnte ich mir gut vorstellen, dass etwas davon dran kommt. (Würd mich freuen, weil das die 2 Bücher sind, die mir noch am besten gefallen haben und ich noch halbwegs logisch find). Außerdem sieht man da auch, dass fürs nächste Jahr die Lyrik der Klassik wegfällt, womit auch das gut bei uns noch dran kommen könnte. Da bin ich mir aber net so sicher. Unser Lehrer meinte auch, wenn Gedichtvergleich dann Klassik – Expressionismus oder Romantik – Expressionismus, aber nicht Klassik – Romantik. Is aber nur ne Vermutung.

… aber auch RexV’s Vertrauen auf die Wiederkehr des Immergleichen könnte vor der Macht pädagogischer Verharrungskräfte durchaus erfolgreich sein:

Ich habe mich in Deutsch lediglich auf den Aufgabenvorschlag mit den Epochen (also Romantik – Expressionismus) konzentriert…
Wird schon klappen… ich hab mir auch auf www.stern.de die Übungsaufgaben für letztes Jahr runtergeladen und da kam immer nur Vergleich Romantik und Expressionismus dran. So wird es zu 99% auch dieses Jahr wieder sein
Wenn ich mir vom Stark Verlag die Aufgaben ansehe, dann gibt es keinen einzigen anderen Vergleich

Immerhin ist Zauberwürfel mit seinem Prüfer auf der richtigen Spur:

Mein Examensprüfer stand auch immer voll darauf, wenn man Bücher kennt, die ähnliche Themen beinhalten.
(…) Es reicht ja, wenn man Autor und Werk sowie groben Inhalt bzw. halt gleiche, wiederkehrende Motive nennen kann á la “Das Motiv xyz kommt bei Faust I vor, Parallelen lassen sich im Hiob- Buch in der Bibel oder im Werk von Schulzemeiermüller “ABCD” finden. ….”
Stichpunkt Transferwissen und breites Wissensspektrum anderer Werke. Viel Glück!!

Leider aber auch hier nur als Vorbereitungs-Tipp: Fertiggerichte aus der Dose ohne nachhaltige Sättigung:

ich hab mir, als wir die lektüren gelesen haben, schon jeweils lektüreschlüssel geholt und die nochmal ordentlich durchgearbeitet;
genauso halt epochenwissen und “theorie”wissen zu textanalysen
viel hab ich für deutsch aber nicht gemacht, und es ist auch schon fast fünf jahre her

Traurig ist auch babelfishs Angst vor Kreativaufgaben, die eigentlich etwas Auflockerung ins ewig gleiche, knochentrockene Deutsch-Prüfungsformat bringen könnten:

Was mir ja auch ein bisschen Angst macht, ist diese Kreativaufgabe, die bei Deutsch jetzt immer dabei ist… So ein Schwachsinn!

Oh Schreck, oh Graus! Diesem Aufgabentyp liegt eigentlich ein guter Gedanke zugrunde: Durch eine „Gestaltende Interpretation“ oder eine „rollengebundene Perspektive“, durch Neu- oder Umgestaltungen von Texten, kurz: durch einen selbständigen Schaffensprozess, könnte nicht nur eine rein kognitive, sondern auch eine empathische Form von Text- oder Problemverständnis zum Ausdruck gebracht werden. Wenn aber unkreative Lehrer in einem immer gleichen Unterrichtsablauf so etwas nicht vermitteln, kann sich auch kein Schüler für solche Aufgaben begeistern.
Doch hier kann Barium babelfishs Ängste schnell zerstreuen:

Kreativaufgaben sind ja Mono- und Dialoge, Briefe oder eine Stellungnahme. Ich finde also nicht, dass man sich da soooo einen Kopf zu machen braucht, wenn man sich im Vorfeld eine Meinung bildet und die Personen gut kennt.

Deutschunterricht wäre nicht Deutschunterricht, wenn man nicht auch den kreativen Teil zur langweiligen Routine verkommen lassen könnte.

Fazit: Gegen diese stofffixierte Orientierungslosigkeit und Fremdbestimmung, die bestenfalls in „Bulimielernen“ endet, hilft nur, sich bei „gelaufenen“ Abituren aus anderen Bundesländern schlau zu machen. Denn oft werden nicht nur die Leselisten, sondern auch die Prüfungsideen zeitlich versetzt „ausgetauscht“ oder variiert. Dazu hilft es, den Service des Bildungswirt in seiner rechten Spalte unter der Rubrik „Abituraufgaben“ zu nutzen. Ansonsten gibt es – wie schon im zitierten Forum richtig erkannt – die einschlägigen Abihilfen der Schulbuchverlage, die auch auf die jeweiligen Landes-Leselisten abgestimmt sind.
Hilfreich zur Prüfungsvorbereitung wäre es, wenn schon verbrauchte Prüfungen für Nachfolgegenerationen (z.B. im Netz) frei zugänglich gemacht und an Schulen zu Übungszwecken eingesetzt würden. Einstweilen befinden sich einige „verbrauchten“ Prüfungen CDs an Schulen – was auch nicht jedem bekannt ist.

Eine moderne kompetenzorientierte Prüfungsdidaktik im Fach Deutsch sähe allerdings anders aus: Sie müsste z.B. zulassen, dass Schüler individuell Erarbeitetes mit zentralen Vorgaben vernetzen können.

Wie aber könnten kompetenzorientierte Prüfungen in Deutsch künftig aussehen? Hier ein paar Kriterien, die individuellem Arbeiten und einer konsequenten Subjektorientierung Rechnung tragen:

a) selbst gewählte Vergleichsmöglichkeiten zur vorgegebenen Problematik / Thematik

b) Um- und Neugestaltung von Texten nach bestimmten Kriterien

c) Herausarbeitung von Bezügen zwischen unterschiedlichen Materialsorten

d) selbständige Wahl einer passenden Bearbeitungsmethode oder eines Untersuchungsschwerpunkts

e) reflektierte Wahl einer wirkungsorientierten und adressatenbezogenen Darstellungsform

f) Beurteilung eines Problems/ Sachverhalts nach hergeleiteten Prüfkriterien

g) Herausarbeitung von Strukturen und Prinzipien – punktuell nötiges Spezial- und Sonderwissen kann dabei als Entlastung zur Verfügung gestellt werden

h) Konzentration auf Prozesse und Lösungsstrategien

i) selbständige/ begründete Komplexitätserweiterung bzw. –reduktion bei der Suche nach Lösungswegen

j) Gegenwartsbezüge und Zukunftsfähigkeit.

Entschließt man sich dazu, eher Strukturen, Zusammenhänge und die jeweilige Fachlogik in den Vordergrund einer Prüfung zu rücken und damit den Abfrageduktus zu überwinden, werden Leselisten und detaillierte Stoffkataloge überflüssig. Geeignete Aufgabentypen und Beispielaufgaben könnten schließlich diese Kriterien konkretisieren und in Form neuer Lernkulturen den Unterrichtsalltag verändern. Schüler und Lehrer müssten für solche Ansätze gewonnen und bei diesen Umstellungsprozessen begleitet werden.
Zentrale Prüfungen wären dann erst wirklich sinnvoll, transparent und akzeptabel.

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Weiter bilden ohne Lebenslanges Lernen?

29. Januar 2010 · von frankmackay · Dein Kommentar, hier... Artikel drucken Artikel drucken

Seit 1999 schreibt ein elektronisches Feuilleton Team aus Berlin an der Berliner Gazette.
Wöchentlich erreicht den heimischen Briefkasten per Mail eine neue oder weitere Perspektive zum aktuellen Jahresmotto. In den letzten Jahren kleidete man die Themen Arbeit, Gemeinschaft oder auch das Wasser in ein schriftsprachliches Protokoll mit Menschen, die den Horizont weiten. Für 2010 lautet das Thema “Bildung” mit der Leitfrage:

“Wie koennen wir uns immer weiter bilden ohne lebenslang lernen zu muessen?”

Dabei soll über einen aus der Wirtschaft geprägten Begriff der Bildung hinausgegangen werden – den “Fehler” vom Pranger holen!
Im ersten Bildungsprotokoll der Berliner Gazette vom 13.1.2010 unterscheidet die Choreographin Heike Henning lernen und sich bilden durch das Tempo, wie diese Prozesse ablaufen.

“Sich bilden bedeutet ueber lange Zeit etwas reifen zu lassen, es dringt durch andere Kanaele ein und schafft eine gewisse Selbstgewissheit und Gelassenheit mit sich in der Welt.”

Illustriert wird dies mit der Präsenz des Körpers bei der Empfindung bestimmter anatomischer Regionen und damit auch einer Selbstvergewisserung einer eigenen Identität. Christian Neuner-Duttenhofer vom GreenCampus steckt in der Ausgabe vom 19.1. seine Koordinaten: Meisterschaft, Konzentration, Presencing und De-organisation mit seinem Interesse am Lernen ab. Anregend sind seine kurzen Hinweise auf den Wandel des Lernens aufgrund von Erfahrungen hin zu einer direkten Wahrnehmung und Aktualisierung der eigenen Zukunftsmöglichkeiten. Im aktuellen Protokoll vom 27.1. weißt David Grubbs auf Bildungsunterschiede zu den USA hin und sieht die größte Herausforderung in der digitalen Welt sich auf „ein einzelnes Thema lange genug zu konzentrieren.“

An die Protokolle schließen sich Links zu den Autoren, deren Tätigkeitsorten oder weiteren Theorieerläuterungen. Zum Schluss einer jeden Rundmail folgen noch Veranstaltungshinweise – meist für Berlin…

Sind wir also gespannt, welche Bildungsdebatte diese mediale Plattform spinnt und geben die Einladung der Berliner Gazette weiter:

Wir laden ProjektemacherInnen aus allen Sektoren der gesellschaftlichen Innovation [[Sub-]Politik, Oekonomie, Technologie, Kunst, Wissenschaft, etc.] dazu ein, Antworten auf unsere Leitfrage zu geben und so die Bildungsdebatte um neue Perspektiven zu erweitern.

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Selbständige Schule – neue Lernkulturen?

10. Januar 2010 · von Miller · 1 Kommentar Artikel drucken Artikel drucken

Seit 15 Jahren wird über die Großbaustelle “Selbstständige Schule” oder auch “Eigenverantwortliche Schule” in Deutschland diskutiert. Richtig vorangekommen ist man selten, (von ein paar Vorzeige-Modellversuchen abgesehen) zu Unterschiedliches wird darunter verstanden. Da zeigen sich technokratisch-autoritäre Modelle wie demokratische unter dem gleichen Label. Was man in Hessen wirklich will, steht noch in den Sternen. Wohl offizielles Regierungsprogramm von CDU/FDP – aber was heißt das schon praktisch gewendet?

Sind wirklich neue Lernkulturen, demokratische Beteiligung der Schüler und Eltern gemeint? Gibt es eine grundlegende Reform des Prüfungswesens, weg vom Bulimielernen, hin zur Lernnachhaltigkeit? Ist der Schulleiter Teil des Kollegiums und vornehmlich pädagogischer Motor? Wie gestalten sich die Reformspielräume für ein Kollegium, wie wird das finanziert? Lernerrollen für Lehrer – systematische und zeitintensive Lehrerfortbildung? Fragen über Fragen – was kommt 2010 aus Wiesbaden?

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Kafka und moderne Pädagogik

7. Januar 2010 · von Miller · Dein Kommentar, hier... Artikel drucken Artikel drucken

oder Schule, Mütter und Evaluationsagenturen
Wenn irgendein anscheinend vom Leben unbeleckter Knirps mit vollgestopfter Schultasche in der staatlich verordneten Gehirnerweiterungsmanege von nahezu unermüdlichen, nur das Beste wollenden pädagogischen Vorturnern monatelang ohne Unterbrechung systematisch belehrt würde, unentrinnbar begleitet von gierigen aalglatten Evaluationsagenturen mit immer neuen Aufgabensettings, Testreihen und auf jedes Detail fixierten Videoaufzeichnungen seiner mühevollen, aber erfolgsgetäfelten Genese, er, der Knirps, geschmacksneutrale Antidepressiva jeden Morgen schluckend , Zähne zusammenbeißend zu immer noch größeren, fast unglaublichen Leistungssteigerungen sich antreiben lassend, ständig begleitet vom immer wieder neu anschwellendem Beifallsklatschen der Professoren mit den grünen Gläsern und den extensiven Bildungsstandards in alleswissenden gestempelten Dokumenten verpackt, er, der Candide, unter heftigen Leibschmerzen sich krümmend, sich den schon völlig verwirrten Kopf haltend — ja, vielleicht eilte dann eine junge Mutter, begleitet von vielen anderen, in die angsteinflößende Anstalt des öffentlichen Rechts, risse alle Türen des pädagogischen Grauens auf und riefe das: Halt! unbeeindruckt von vordergründig trüben Blicken einer nicht genau zu identifizierenden Schulmasse.

Da es aber nicht so ist; ein freudestrahlender Götterfunken-Jüngling wie naturgegeben die frische freie Luft des Lernangebots einatmet, selbst in tiefere Gefilde mit seinem ganz eigenen Rhythmus eintauchend; hingebungsvoll unterstützt von an der Sache und dem Jüngling gleichermaßen interessierten weitblickenden Pädagogen; die großzügig angelegte, in animierende Farbenspiele getauchte bahnbrechende Architektur des Gebäudes geradezu zu Lernexperimenten, Dialogen und vielfältigen Kooperationen einlädt, gleichzeitig Rückzugsbereiche für Schüler und Lehrer mit individuellen Gestaltungsmöglichkeiten ausweist; die vorbildliche Teamarbeit schon beim Betreten dieses wunderbaren Gebäudes jedem Beobachter buchstäblich ins Auge springt; der Direktor sich in fast schon übermenschlicher Aufopferung um die bestmöglichen Rahmenbedingungen des Lernens, um „Geschichte und Eigensinn“, um Tradition und Innovation kümmert; Wissenschaftler nicht nur ihre geschliffenen Gläser auf eine breite Palette unterschiedlicher Farbfilter hin prüfen, sondern in einer weltoffenen und wertsensiblen Haltung ständig auf Interdisziplinarität und west-östliche Perspektivwechsel bedacht sind, auch nicht zu schade, in brenzligen Situationen, die Ärmel aufkrempelnd, selbst in die Schülermanege zu steigen und, falls notwendig, auch Hausmeister zu peinlichster Achtsamkeit für Schülerbelange zu ermahnen; der Schüler, der Jüngling, der Knirps geradezu wertgeschätzt wird, dass professionelle Pädagogen jedes Jahr von neuem, durch diesen von der Gesellschaft finanzierten Traumberuf, mit der nachwachsenden Generation zusammen arbeiten und lernen dürfen — da dies so ist, liegen viele junge Mütter in wattebepolsterten Hängematten, ihr ganz eigenes Mantra murmelnd, in einem rätselhaften Traum versinkend, das Gesicht vornüber gebeugt, mit schweren Tränen in ihren Augenwinkeln, die sie nicht wirklich bemerken.

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Präzision in der Politik 2010

27. Dezember 2009 · von Miller · 2 Kommentare Artikel drucken Artikel drucken

Rutschpräzision und keine Rutschpartie in der Bildungspolitik 2010.
Politik ist machbar, Herr Nachbar!

Danke an die Gastblogger 2009 und die stets weiter wachsende Leserschaft.

Neujahrswünsche vom Bildungswirt.

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Hauptschüler als Leistungsträger der Gesellschaft – wirklich gewollt?

22. Dezember 2009 · von tango · Dein Kommentar, hier... Artikel drucken Artikel drucken

Unter der Leitung der Schauspielerin Barbara Englert und mit Unterstützung des hessischen Kinderschutzbundes sowie des Offenen Kanals Offenbach realisierten Hauptschüler einer SchuB-Klasse der Frankfurter Innenstadtschule eine Aufführung von Schillers Don Carlos.

Der Prozess der Aneignung des auch für Oberstufenschüler sperrigen Theaterstücks wurde in einem „Making of“ von den Schülern selbst dokumentiert, ebenso wie die Erstellung eines Bühnenbildes, der Kostüme, die musikalische Begleitung am Klavier, Fechteinlagen, Konzentrations- und Bewegungsübungen. Zwei Frankfurter Tageszeitungen berichteten unter dem Titel Abiturstoff für Hauptschüler bzw. Die Macht des Don Carlos ausführlich über diese enorme Leistung vom ersten Erlesen bis zur kompletten Aufführung in nur 19 Tagen. Dies zeigt, dass Hauptschüler zu Leistungsträgern der Gesellschaft werden könnten, wenn man Potenziale wirklich ausschöpfen wollte und Hauptschule bzw. Schule insgesamt folgendermaßen verändern würde:

  • Schüler erarbeiten sich etwas mit allen Sinnen, nicht nur auf ihrem Stuhl sitzend und frontal den Input erwartend
  • Sie sind nicht an die statische Architektur eines Raumes gebunden, sondern der Raum wird Teil der Lernarchitektur, der sich den Erfordernissen und Zielen angepasst (beim Projekt ermöglichte die freie Natur oder ein großer Raum Bewegung und Expression)
  • Sie haben Zeit, an etwas dranzubleiben, bis sie ein eigenes Ergebnis sehen, statt in einer Massenabfertigung im 45-Minutentakt Stoff eingehämmert zu bekommen nach dem Motto Friss oder stirb
  • Sie genießen ungeteilte Aufmerksamkeit und Zuwendung (durchaus auch in Form von konstruktiver Kritik)
  • Sie können, ja müssen kooperieren, um Erfolge zu genießen
  • ihr Selbstbewusstsein wird durch Bestätigung und Erfolg gestärkt, statt durch Sanktionen geschwächt
  • Man traut ihnen auch große und schwierige Leistungen zu, statt eigene Erwartungen schon vorab herunterzuschrauben
  • Man anerkennt sie als Subjekte gemeinsamen Lernens und Arbeitens, ohne die kein Ergebnis zustande kommen kann, statt in ihnen nur Objekte für reproduzierte Lernleistungen zu sehen
  • Man hilft ihnen, damit sie es selber können.

Daraus ergeben sich folgende Fragen zu pädagogischen Konsequenzen:

Warum werden solche Erkenntnisse, die in erfolgreichen Projekten gewonnen werden, trotzdem nie in der Fläche umgesetzt?

Warum werden solche Projekte zwar medial, oft sogar politisch gefeiert, aber nie zur alltäglichen Praxis?

Etwa, weil während dieser Zeit ja gar kein Englisch- oder kein Mathematikunterricht stattfände?

Nein, keineswegs, denn wer auf diese andere Art erfolgreich lernt und dadurch Selbstvertrauen gewinnt, hat seinen Kopf auch für andere Lernleistungen geöffnet, sofern diese nicht wieder nach alter Trichterart den Rückschritt einleiten.

Vielleicht hat man aber auch gar kein Interesse daran, die nötigen Konsequenzen zu ziehen, dann müsste nämlich die Hauptschule als Restschule schließen, denn Don Carlos wäre plötzlich für alle be-greifbar und das Gymnasium würde über Nacht zur Regelschule der Gegenwart!

Die oft ausgemusterten Hauptschüler würden plötzlich zu wirklichen Leistungsträgern, nicht diejenigen, die durch riskante Unternehmungen volkswirtschaftlichen Schaden anrichten, der dann, weil sie dafür selten die Verantwortung übernehmen, von den eigentlichen Leistungsträgern der Gesellschaft wieder bereinigt werden muss.

All denjenigen, die dieses Theaterprojekt ermöglicht und begleitet haben, vor allem aber den jungen Hauptschülern, ohne die dieses Projekt nicht erfolgreich hätte sein können, gebührt Dank.

Vielleicht finden solch positiven Ergebnisse und Erkenntnisse irgendwann einmal Eingang in eine flächendeckende pädagogische Qualitätsentwicklung, die diesen Namen auch verdient!

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Bildungsplanung, Datentäuscher und absurdes Theater

16. Dezember 2009 · von Miller · Dein Kommentar, hier... Artikel drucken Artikel drucken

oder der aktuelle Bildungsgipfel 2009
Seit der Bankenpleite schwirrt dem Bürger der Kopf, täglich mit neuen Meldungen aus dem Zocker-Casino. Da purzeln die Millionen, gar Milliarden, eben auch mal Billionen Euro nur so durch die Medien. Virtuelle Welt, reale Welt – keiner weiß es mehr so ganz genau im gigantischen Datensalat. Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast, ist inzwischen Gemeinplatz. Warum nicht auch in anderen politischen Handlungsfeldern? Ja, die Ausgaben für Bildung sollen steigen, meinen alle, auch die Parteien und heute sowieso! Neue Steuerpolitik? -  nein danke, wir wollen doch alle entlasten, den Haushalt sanieren und Rekordverschuldung generieren;  aber das spielt im Prinzip alles keine Rolle. Es geht voran im Land. Zahlen eben die Kinder der Kinder oder eben nicht. Politik ist Seiltänzerei, bei Absturz wird für Politiker der inzwischen bekannte Banken-Schirm aufgespannt. Man fällt weich.

Im Jahr 2008 hatten Bund und Länder vereinbart, bis 2015 zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts (Wert aller Waren und Dienstleistungen einer Volkswirtschaft in Euro) in Bildung und Forschung zu investieren. Als grobe Prognose etwa 3 Billionen BIP, d.h. etwa 300 Milliarden für Bildung und Forschung. Keiner weiß, woher das Geld kommen soll, die Kassen sind leer. Im Jahr 2011 könnte man z.B. meinen: wir haben neu gerechnet und beraten und sind jetzt klüger geworden. Alles April, April oder: “Was kümmert uns unser Geschwätz von gestern”. Wir erfinden einfach die Datenbezugsgröße neu und lassen mal einige Kalkulationsprogramme heiß laufen, z.B. werden 4000 Millionen Pensionslasten für Beamte mal als Bildungsausgabe gebucht. Warum nicht? Oder wie wär’s mit mit fiktiven Unterbringungskosten für Hochschulen, Schulen und Kitas? Schätzen wir einfach einmal 10.000 Millionen. Könnte aber bei Bedarf nochmal um 3457 Millionen nach oben korrigert werden. Interessant wären doch auch die Einrechnung von Steuerentlastungen für Bildungsspenden – warum nicht? Fünf parallele Bund-Länder-Datentäuscher-Kommissionen werden weitere Bildungs-Kreativ-Vorschläge sammeln, analysieren, die Worte auf der Zunge prüfen und ins Medienmeer zur Erquickung des Volkes senden. Was sollte daran absurd sein? Alles wird “brutalstmöglichst” aufgeklärt.

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Aktuelle Filesharing-Debatte in der ZEIT

15. Dezember 2009 · von Miller · Dein Kommentar, hier... Artikel drucken Artikel drucken

In der Vorweihnachtszeit geht’s in der ZEIT noch einmal richtig zur Sache.
Es geht um Freiheiten und Möglichkeiten des Internet, um den Kooperations- und Austauschgedanken, um eine neue Vision einer Bürgergesellschaft, um die Gefahr der digitalen Spaltung der Gesellschaft, um Urheberrechtsverletzungen, um Pfründe und bedrohte Absatzmärkte.
Es diskutieren kontrovers: Sando Gaycken (Technikphilosoph); Dirk Engling/ Constanze Kurz/ Felix von Leitner/ Frank Rieger (Computer Chaos Club); Christian Sommer (Vorstandsvorsitzender der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen), Martin Haase/ Daniel Flachshaar/ Andreas Popp / Thorsten Wirth (Piratenpartei Deutschland)

Quelle: Flickr - Autor: gualtiero

Quelle: Flickr - Autor: gualtiero

Acht kontroverse Kostproben als Warming-up: Wer diskutiert da was?

1.„Der Menschheit stehen somit Möglichkeiten offen, an deren politischer Dimension allenfalls die Besitzstandswahrer der Contentindustrie zweifeln. Jeder ist in der Lage, Inhalte zu konsumieren, zu produzieren und sie mit wenigen Klicks zu verbreiten – lokal wie global. Die meisten Menschen nutzen diese Möglichkeiten unentgeltlich und in ihrer Freizeit. Das ist zweifellos ein altruistischer Akt.“

2.„Der zutiefst egoistische Akt des illegalen Downloadens wird durch einen pseudo-politischen Überbau gesellschaftlich gerechtfertigt.“

3.„Die Medienindustrie führt Krieg. Ein “war on filesharing” tobt seit Jahren. Der Branche geht es um die Herrschaft über ihre Güter.“

4.„Ihre Absicht ist es allerdings nicht, dadurch hemmungslos Geld zu sparen. Das Downloaden von digitalen Inhalten lässt das Rechtsempfinden der Menschen unberührt, denn Informationen – und somit Medieninhalte – sind weder knapp, noch kann man sie ’stehlen’. Wird etwas gestohlen, steht es dem rechtmäßigen Eigentümer nicht mehr zur Verfügung; das ist hier nicht der Fall. Nicht alle Menschen können in demselben Auto fahren, aber sie alle können dasselbe Lied hören.“

5.„Menschen downloaden nicht, weil sie die Welt verbessern wollen und nicht, weil sie für den Zugang zu sogenanntem freien Wissen streiten und Kultur teilen und verfügbar machen möchten. Der Grund ist viel banaler. Sie tun es schlicht und einfach, weil sie es können, weil es technisch möglich ist. Sie tun es, weil sie das sehen und hören möchten, was sie wollen. Und zwar sofort und umsonst. Und sie sind bereit und dankbar, Rechtfertigungsstrategien jeder Art dafür zu entwickeln und zu übernehmen. Seien sie noch so abstrus und inkonsequent.“

6.„Die Anzahl derer, die laut Angaben der Musikindustrie im Netz Daten tauschen, stellt längst die der Stimmen für die Regierungskoalition bei der letzten Bundestagswahl in den Schatten. Filesharing genießt so gesehen mehr Unterstützung in der Bevölkerung als unsere Regierung. Diesen Widerspruch kann man nicht durch bloße Rhetorik auflösen. Die Leute stimmen mit den Füßen ab. Dem kann man mit dem Bau einer Mauer begegnen, doch am Ende muss die digitale Reisefreiheit gewinnen.“

7.„Verleger oder klassische Intermediäre werden im Internet unmittelbar nach ihrem Bürokratieanteil bewertet, also danach, wie viel Geld tatsächlich bei den Künstlern beziehungsweise den Urhebern landet. Die Künstler wollen ihre Werke an die Menschen verteilen, und die Menschen wollen sie konsumieren oder gar weiterbearbeiten. Wir brauchen Institutionen, die beides ermöglichen und einen Bezahl-Rückkanal haben und die nicht, wie im Moment, die Kommunikation zu verhindern suchen.“

8.„Im europäischen Ausland also wird der bedingungslose Zugang zum Internet als Grundlage vernünftiger politischer Zustände gefordert, im Inland dagegen scheint er verhandelbar, wenn die Interessen eines Industriezweigs gefährdet sind. Das kann als Pharisäertum ausgelegt werden.“
Mehr dazu:
http://www.zeit.de/digital/internet/2009-12/filesharing-demokratie-gaycken?page=2
http://www.zeit.de/digital/internet/2009-12/filesharing-piratenpartei
http://www.zeit.de/digital/internet/2009-12/filesharing-sommer-warner
http://www.zeit.de/digital/internet/2009-12/ccc-filesharing-gaycken

my CC stickers have arrived!!!

Quelle: Flickr Autor: laihiu

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